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Maileen Zander VDA - Verband der Automobilindustrie

Wissmann: Erholung der Nutzfahrzeugmärkte gibt IAA Rückenwind

Internationaler Presse-Workshop in Frankfurt – Export, Produktion und Inlandsmarkt im Plus

Frankfurt am Main/Berlin, 9. Juli 2010  "Die Nutzfahrzeugindustrie hat dem Orkan, der 2009 über die Märkte fegte, Stand gehalten und in der Krise ihre Leistungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Jetzt gibt es ermutigende Signale: Es geht wieder vorwärts, die Märkte erholen sich rascher als erwartet", betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), auf dem Internationalen Presse-Workshop des VDA in Frankfurt vor rund 150 Journalisten. Hochrangige nationale und internationale Vertreter der Nutzfahrzeugindustrie informieren auf diesem europaweit wichtigsten Workshop die Medien über Innovationen und Entwicklungen in der Welt des Nutzfahrzeugs.

Der Auftragseingang für schwere Lkw (über 6t), der traditionell als konjunktureller Frühindikator gilt, lag im ersten Halbjahr um 80 Prozent über dem krisenbedingt niedrigen Vorjahresniveau. Besonders das Auslandsgeschäft brummt: Hier hat sich der Auftragseingang in den ersten sechs Monaten mehr als verdoppelt (plus 108 Prozent). Entsprechend zieht der Export nach oben: Im ersten Halbjahr ist im schweren Bereich ein Plus von 22 Prozent auf 26.720 Einheiten zu verzeichnen; allein im Juni hat sich der Export von Lkw über 6 t mehr als verdoppelt (plus 104 Prozent). "So beeindruckend diese hohen Zuwachsraten auch aussehen mögen – wir dürfen nicht vergessen, dass die Nutzfahrzeugindustrie weltweit und auch in Deutschland im vergangenen Jahr durch das bislang tiefste Tal gegangen ist. Entsprechend niedrig ist die Vergleichsbasis 2009", sagte Wissmann.

Der inländische Auftragseingang für schwere Lkw konnte im ersten Halbjahr um fast die Hälfte zulegen (plus 46 Prozent). Diese Entwicklung spiegelt sich – mit leichter Verzögerung – auch im Absatz wider: Im Segment der schweren Nutzfahrzeuge wurden im Mai 2010 erstmals seit September 2008 wieder Zuwächse verzeichnet, im Juni kletterten die Neuzulassungszahlen um 37 Prozent nach oben. Die Inlandsproduktion im schweren Bereich konnte im ersten Halbjahr um nahezu ein Viertel auf 45.720 Fahrzeuge gesteigert werden (plus 24 Prozent), allein im Juni lag die Produktion von schweren Lkw (über 6 t) mit 9.670 Einheiten um 125 Prozent über dem Vorjahresmonat.

Im Transportersegment (bis 6 t) ist der ausländische Auftragseingang im ersten Halbjahr um 42 Prozent gestiegen, der Export erhöhte sich um vier Fünftel (plus 79 Prozent) auf fast 80.000 Einheiten, die Inlandsfertigung legte um mehr als die Hälfte auf 109.710 Fahrzeuge zu (plus 52 Prozent).

Insgesamt stieg der Export von Nutzfahrzeugen im ersten Halbjahr um 57 Prozent auf 108.910 Einheiten, während die Neuzulassungen ein Plus von 7 Prozent auf 129.080 Fahrzeuge aufwiesen. Die Nutzfahrzeug-Inlandsproduktion wurde um 41 Prozent auf 158.400 Fahrzeuge erhöht.

"Wir erwarten, dass die positive Tendenz auch in der zweiten Jahreshälfte Bestand haben wird und rechnen daher im Gesamtjahr 2010 mit einem Anstieg des Inlandsmarktes bei schweren Lkw (über 6t) um 5 Prozent auf 64.000 Einheiten. Allerdings sind wir damit noch immer weit von dem hohen Niveau des Jahres 2008 entfernt, das bei knapp 100.000 Einheiten lag. Das Transportersegment wird im Gesamtjahr im Inland um 3 Prozent auf 180.000 Fahrzeuge steigen", unterstrich der VDA-Präsident.

Auch die Produktion von Nutzfahrzeugen an den ausländischen Standorten deutscher Hersteller steigt. Wichtige Auslandswerke von schweren Nutzfahrzeugen (über 6t) wiesen in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres Zuwächse von mehr als 50 Prozent auf, so die USA mit 52 Prozent und Japan (Fuso) mit rund 100 Prozent. Die Auslandsproduktion von Transportern (bis 6t) stieg im gleichen Zeitraum in allen wichtigen Werken um mehr als ein Drittel. So legte der wichtigste ausländische Fertigungsstandort Polen um 38 Prozent zu, Brasilien um 105 Prozent und Spanien um 58 Prozent.

"Wir gehen also mit konjunkturellem Rückenwind auf die 63. IAA Nutzfahrzeuge, die im September in Hannover ihre Tore öffnet. Diese IAA kommt zum richtigen Zeitpunkt. Sie wird zeigen, wie erfolgreich wir aus der Krise herausfahren. Wir sind fest entschlossen, damit ein klares Aufbruchssignal für die weltweite Nutzfahrzeugindustrie auszusenden", betonte Wissmann. Auf dieser weltweit wichtigsten Leitmesse für Mobilität, Transport und Logistik werden die Nutzfahrzeug-Unternehmen ihre neuesten Entwicklungen präsentieren: Aerodynamik, Hybridisierung, alternative Kraftstoffe, Elektromobilität und Sicherheit sind die Stichworte. "Die Vorbereitungen zur IAA laufen auf vollen Touren. Wir erwarten rund 1.700 Aussteller und liegen damit bereits wieder über dem Niveau von 2006", sagte der VDA-Präsident.

Wissmann betonte: "Die Nutzfahrzeugindustrie zählt zu den Schlüsselbranchen der Weltwirtschaft. Nutzfahrzeuge sind das Rückgrat unserer modernen Industriegesellschaft. Denn Wohlstand entsteht vor allem durch Arbeitsteilung. Das setzt voraus, dass produzierte Güter rechtzeitig an Ort und Stelle sind. Den größten Beitrag dazu leisten Nutzfahrzeuge: Sie schultern in Europa über 72 Prozent der gesamten Güterverkehrsleistung. Die Aschewolke aus Island hat gezeigt: Nur wenige Tage ohne Luftverkehr führen zu enormen Komplikationen. Die Probleme wären vielfach schlimmer, wenn Nutzfahrzeuge in Europa einige Tage nicht unterwegs sein könnten: Die Supermärkte wären in kürzester Zeit leer, die Feuerwehr würde nicht mehr rechtzeitig ankommen, auch der Müll würde nicht mehr abtransportiert. Und selbst die Fußball-Weltmeisterschaft wäre ein eher trübes Fest geworden, weil in den Kneipen und auf den Fan-Meilen das Bier und das Grillfleisch ausgegangen wären." Nutzfahrzeuge seien damit "entscheidende Leistungsträger", um eine moderne arbeitsteilige Wirtschaft auf Touren zu halten.

Wie vorausschauend und klug von den Unternehmen die Krise gemeistert wurde, zeige sich an der Beschäftigungsentwicklung: In der gesamten deutschen Nutzfahrzeug-Industrie lag der Rückgang der Stammbelegschaften gerade einmal bei 5 Prozent. "Die Nutzfahrzeug-Unternehmen wissen, dass man das Know-how der Mitarbeiter auch in schwierigen Zeiten an Bord halten muss – nur dann ist man für den nächsten Aufschwung gerüstet", so Wissmann. Gleichzeitig wurden die Investitionen für Forschung und Entwicklung trotz Krise nicht abgesenkt – auch das komme den Unternehmen beim jetzt erkennbaren Aufschwung zugute.

Trotz steigender Neuzulassungszahlen sei die Krise allerdings noch nicht ganz überstanden: "Es wird länger dauern, bis wir das Absatzniveau wieder erreichen, das wir vor der Krise hatten. Die Produktionsvolumina etwa in Westeuropa, Nordamerika und Japan werden 2010 noch um 30 bis 40 Prozent niedriger sein als im Jahr 2008. Aber eines ist klar: die Erholung der Nutzfahrzeug-Märkte hat begonnen", so Wissmann. Die weltweite Transportnachfrage werde wieder anziehen; Prognosen gehen von einem weltweiten Wirtschaftswachstum von bis zu 4 Prozent im Jahr 2010 aus. Wissmann: "Die Dynamik wird jedoch unterschiedlich verteilt sein. In den Schwellenländern erwarten wir weiterhin dynamisches Wachstum, in Europa wird die Entwicklung moderater sein."

Die Struktur des Nutzfahrzeugweltmarktes habe sich zugunsten von China verändert, so Wissmann. Das Land hatte 2008 lediglich einen Anteil von weniger als 30 Prozent im schweren Segment (über 6t), 2010 werden es bereits über 40 Prozent sein. Auch wenn sich das Wachstum der chinesischen Wirtschaft etwas abschwächen dürfte, so bleibe der Ausblick positiv. Der US-Markt für Trucks ist seit Mitte 2009 wieder auf Erholungskurs; für 2010 wird ein Wachstum von etwa 11 Prozent erwartet. Der brasilianische Nutzfahrzeugmarkt hat im bisherigen Jahresverlauf um mehr als die Hälfte zugelegt. Für Westeuropa werde für das laufende Jahr dagegen nur ein leichtes Plus gegenüber 2009 erwartet. "Bei den schweren Fahrzeugen wird es 2010 noch keine entscheidenden Marktimpulse geben, eher eine Stabilisierung. Eine durchgreifende Erholung ist erst im kommenden Jahr zu erwarten", unterstrich Wissmann.

Der VDA-Präsident zeigte sich überzeugt davon, dass der Lkw das zu erwartende Verkehrswachstum der kommenden Jahre bewältigen könne. "Doch wir sollten hierfür technischen Innovationen auch eine Chance geben. Der bundesweite Feldversuch mit längeren Lkw-Kombinationen ist dazu ein wichtiger Meilenstein. Wir können mit einer sinnvollen Anpassung von Maßen und Gewichten die Kapazität des Straßengüterverkehrs mit vergleichsweise einfachen Mitteln erhöhen. Das spart Fahrzeugkilometer und CO2", so Wissmann. Der VDA sei zu diesem Thema auch mit der Deutschen Bahn AG in einem konstruktiven Dialog: "VDA und Bahn ist es gelungen, gemeinsame Vorstellungen für die Verkehrspolitik der Zukunft zu formulieren und in einem Papier vorzustellen. Wir stimmen dabei überein, dass wir mehr Effizienz im Straßengüterverkehr wollen und andererseits ebenso auch im Zuge co-modaler Lösungen die künftige Entwicklung des Schienengüterverkehrs fördern", sagte Wissmann. Die Zeiten, in denen Verkehrsträger einander Marktanteile abjagen wollten, seien vorbei: "Heute geht es darum, gemeinsam Lösungen zu finden, um Wachstum und Wohlstand zu fördern."

Der Lkw habe seine Emissionen in den vergangenen Jahren drastisch reduziert: Ein moderner EURO-V-Lkw emittiert im Durchschnitt 85 Prozent weniger Schadstoffe als ein Euro-0-Fahrzeug von vor 25 Jahren. Ein 40-Tonner verbraucht heute im Durchschnitt nur noch 32 oder weniger Liter auf 100 Kilometer – und nicht mehr 48 Liter, wie noch Ende der sechziger Jahre. "Die Öko-Bilanz des Lkw hat sich ständig verbessert. Der Lkw ist heute für zahlreiche Relationen und Transportarten das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Auch in der breiten Öffentlichkeit sollte diese Erkenntnis reifen", unterstrich Wissmann und verwies auf eine aktuelle Studie von PE International, die auf dem Workshop vorgestellt wurde.

Der VDA-Präsident betonte: "Wer vom Nutzfahrzeug spricht, muss wissen: Busse sind das Rückgrat des Öffentlichen Personennahverkehrs. Sie befördern jedes Jahr im Nahverkehr in Deutschland weit über 5 Milliarden Fahrgäste – deutlich mehr als Eisenbahn und Straßenbahnen." Im Fernlinienverkehr sehe das Bild hingegen anders aus: 123 Millionen Menschen nutzten 2009 die Bahn, nur 2 Millionen Fahrgäste waren mit dem Linienbus unterwegs. Der Grund dafür ist ein regulatorischer: Seit fast 80 Jahren wurden neue Buslinien in Deutschland nur noch in wenigen Ausnahmen genehmigt. Die Bundesregierung will dies nun ändern und den Buslinienfernverkehr liberalisieren. Wissmann betonte: "Der VDA unterstützt dies mit Nachdruck. Wir wissen um die großen Stärken des Busses: Der Bus ist ein besonders flexibles und sicheres Verkehrsmittel. Aber er ist vor allem ein vorbildlicher Klimaschützer. 33 Gramm CO2 pro Kilometer und Fahrgast - das ist ein unschlagbarer Wert."

Erstveröffentlichung: 09.07.2010 Letzte Aktualisierung: 29.07.2010