Wissmann: Wettbewerbsfähigkeit von Europa steigern

Berlin, 28. Januar 2015

VDA-Neujahrsempfang – Für eine neue Politik der Balance zwischen Industrie- und Klimapolitik

„Wir erwarten von der EU-Kommission eine Industriepolitik, die ihren Namen auch verdient. Wir brauchen eine neue Politik der Balance zwischen Industrie- und Klimapolitik. Deutschland ist das einzige große, traditionelle Automobilland, das in den vergangenen zehn Jahren seine Automobilproduktion am Standort noch gesteigert hat – auf 5,6 Mio. Pkw im Jahr 2014“, betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), auf dem VDA-Neujahrsempfang in Berlin.

Vor rund 500 hochrangigen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, darunter EU-Kommissar Günther Oettinger, sprach sich Wissmann klar für eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Europa aus: „Unsere Fahrzeuge sind immer klima- und umweltfreundlicher geworden: Seit 1995 ist der CO2-Ausstoß von neu zugelassenen Pkw um 32 Prozent zurückgegangen. Doch es ist wenig sinnvoll, dass wir auch zukünftig Klimaschutz nur an den Emissionswerten der Neufahrzeuge messen. Wir wollen umweltfreundliche Fahrzeuge bauen – doch wir müssen hierfür um den richtigen Weg ringen. Dazu gehören Maßnahmen zur Flottenerneuerung, fiskalische Maßnahmen, alternative Kraftstoffe, die Infrastruktur und vieles mehr“, unterstrich Wissmann.

Die deutsche Automobilindustrie habe auf der Angebotsseite „geliefert“, erläuterte der VDA-Präsident am Beispiel der Elektromobilität: „Im vergangenen Jahr kamen 17 Elektro-Serienmodelle deutscher Hersteller in die Autohäuser; in diesem Jahr folgen zwölf weitere. Im internationalen Vergleich der Anbieter von Elektrofahrzeugen steht Deutschland beim Gesamtsystem Elektromobilität an der Spitze.“ An die Brüsseler Adresse gerichtet, betonte Wissmann: „Eine kluge Politik muss Anreize setzen, sie stimuliert und fordert. Wir warnen aber ebenso davor, die Produktvielfalt unserer Hersteller einzuschränken, oder über Technologien einfach am grünen Tisch zu entscheiden.“

Wissmann verwies auf das schwierige Umfeld in Europa. Neben geopolitischen Risiken – Stichwort Russland – lasse das Reformtempo einiger Mitgliedstaaten in der EU zu wünschen übrig: Die wirtschaftliche Lage in Frankreich sei nach wie vor besorgniserregend, in Italien sei die Lage nicht besser. Auch gebe die politische Entwicklung in Griechenland keinen Anlass zur Freude. „Mit Sorge sehen wir auch die Entwicklung der europäischen Geldpolitik. Da mag manches unserer Industrie kurzfristig nutzen, aber wird damit nicht die Tür zur Gemeinschaftshaftung weiter geöffnet und der Anreiz zu kraftvollen Reformen in Südeuropa geschwächt? Stärkt das wirklich das Vertrauen in unsere Währung?“, fragte Wissmann.

Dass dieses schwierige Umfeld der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands bislang nicht geschadet habe, sei vor allem in der starken industriellen Basis des Landes begründet: „Den Erfolg der deutschen Industrie verdanken wir großen Konzernen und vielen, vielen vor allem mittelständischen Unternehmen, die ihr Know-how und ihre flexible Leistungsbereitschaft Tag für Tag unter Beweis stellen.“ Die deutsche Automobilindustrie sei dafür das beste Beispiel. Sie setze konsequent auf Innovation und Globalisierung: „Die deutsche Automobilindustrie investiert weltweit fast 30 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung – pro Jahr. Der größte Teil davon geht nach Deutschland. Und: Über 60 Prozent der deutschen Pkw-Produktion finden mittlerweile im Ausland statt, Tendenz steigend. Das betrifft nicht nur die Automobilhersteller, sondern auch die vielen Zulieferer, darunter zahlreiche mittelständische Unternehmen. Mit dieser Strategie sind wir erfolgreich. Jedes fünfte Auto, das derzeit weltweit verkauft wird, zählt zu deutschen Konzernmarken“, unterstrich Wissmann.

Die Erfolge spürten auch die Arbeitnehmer der Automobilindustrie: „Wir haben heute allein in Deutschland 23.000 mehr Stammbeschäftigte als vor einem Jahr, insgesamt liegt die Anzahl der Beschäftigten bei 785.000. Das zeigt, die steigende Auslandsproduktion stützt bislang die Beschäftigung im Inland. Aber sie erhöht auch den Standortwettbewerb“, betonte Wissmann.

Die Beschäftigung in Deutschland insgesamt liege zwar auf Rekordniveau, auch die Steuereinnahmen sprudelten. „Aber es gibt keinen Grund, sich zurückzulehnen und zu sagen ‚es läuft doch‘. Wir müssen Deutschland heute fit für die Zukunft machen. Das heißt: Wir brauchen sichere Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen, wir brauchen den Ausbau der Digitalisierung und der Verkehrsinfrastruktur“, so Wissmann. Die Ratschläge der Wirtschaftsweisen sollten ernst genommen werden. „Wir brauchen in Deutschland und Europa einen neuen Anlauf zur Deregulierung“, betonte der VDA-Präsident.

Der nächste Innovationsschub werde durch die Vernetzung ausgelöst: „Auf den Messen in Detroit und Las Vegas haben die deutschen Automobilunternehmen Anfang des Jahres eindrucksvoll den hohen Entwicklungsstand des automatisierten Fahrens unter Beweis gestellt. Es sind unsere Hersteller und Zulieferer, die derzeit das Tempo vorgeben. Das vernetzte Fahrzeug ist ‚the next big thing‘“, so Wissmann. Das Interesse von deutschen Fahrzeugingenieuren sei es, Fahrzeuge noch sicherer, effizienter und komfortabler zu machen. „Wir wollen, dass diese Fahrzeuge nicht nur in Deutschland erdacht, sondern auch entwickelt, getestet und produziert werden“, betonte der VDA-Präsident. Außerdem sprach sich Wissmann erneut für das geplante Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europa und den USA aus.

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