Pressemeldungen

Wissmann: Globale Präsenz erfordert starke Heimatstandorte

Berlin/Gravenbruch, 07. Mai 2015

15. VDA-Mittelstandstag – Appell an die Politik: Innovationskraft der Unternehmen muss erhalten bleiben

„Die Produktionskapazitäten im Nafta-Raum und in China wachsen mit hoher Geschwindigkeit, die globale Nachfrage wird zunehmend lokal bedient. Diesem Trend müssen sich auch mittelständische Zulieferer stellen. Die vergangenen Jahre zeigen: Globale Präsenz und starker Heimatstandort sind kein Widerspruch, brauchen aber politischen Zuspruch: Wir müssen alles tun, um die Stärke der inländischen Standorte auch künftig zu sichern. Da ist die Politik jetzt mehr gefordert“, betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), auf dem 15. Mittelstandstag des VDA in Gravenbruch bei Frankfurt/Main vor 200 hochrangigen Gästen.

Auf der Veranstaltung, die von Arndt G. Kirchhoff, Geschäftsführender Gesellschafter & CEO der Kirchhoff Holding GmbH & Co. KG sowie VDA-Vizepräsident und Vorsitzender des VDA-Mittelstandskreises, eröffnet wurde, sprachen u. a. Dr. Rolf Breidenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hella KGaA Hueck & Co. und Mitglied des VDA-Vorstandes, Barb J. Samardzich, Chief Operating Officer, Ford of Europe, Dr. Karl Pall, Director Brand Solutions, Google Europe, sowie Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP.

Wissmann erklärte, dass die Politik wertvolle Zeit nicht länger ungenutzt verstreichen lassen dürfe: „Die Vielzahl der ‚sozialpolitischen Wohltaten‘ der Bundesregierung – Rentenpaket, Mindestlohn, geplante Einschränkungen bei Werkverträgen und Zeitarbeit, um nur einige zu nennen – sind insgesamt ein schwerer Rucksack, den die Betriebe schultern müssen.“ Die Arbeitskosten am Automobilstandort Deutschland seien im vergangenen Jahr erneut schneller gestiegen als bei manchen Nachbarn, der Abstand zu anderen europäischen Standorten habe sich vergrößert. „Die Herausforderungen der Zukunft – beschleunigter Globalisierungstrend, demografischer Wandel, geringeres Fachkräftepotenzial – werden so nicht gemeistert, sondern eher verschärft. Gefragt sind jetzt innovative Ansätze, zum Beispiel eine Flexi-Rente“, unterstrich der VDA-Präsident. Weiteren Belastungen erteilte Wissmann eine klare Absage. Neue Belastungen drohten familiengeführten Unternehmen aber mit der Erbschaftsteuerreform: „Gerade bei diesem Vorhaben müssen Investitions- und Innovationskraft der Unternehmen erhalten bleiben. Oberstes Ziel der Reform muss es sein, den Fortbestand der Unternehmen im Gemeinwohlinteresse zu sichern“, betonte Wissmann.

Zudem sprach sich Wissmann für eine Sonderabschreibung von 50 Prozent der Anschaffungskosten im ersten Jahr für gewerblich genutzte Elektrofahrzeuge aus, um Marktimpulse zu setzen. Beim zweiten großen Innovationsthema, dem vernetzten und automatisierten Fahren, sei die Zulieferindustrie nicht nur mit dabei, sondern in vielen Bereichen „Treiber der Entwicklung“. Die hierfür notwendigen Investitionen stellten für die mittelständischen Unternehmen allerdings eine große Herausforderung dar: „Hier kann die Politik helfen. Eine steuerliche Förderung, die es in wichtigen Wettbewerbsländern ja bereits gibt, gehört wieder auf die Tagesordnung“, sagte Wissmann.

Er wies auch auf die großen Chancen hin, die das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP) insbesondere für mittelständische Firmen biete: „Gerade für kleine und mittelgroße Unternehmen ist es von existenzieller Bedeutung, dass ihre Investitionen planbar und vor Diskriminierung und Willkür geschützt sind. Lasst dem industriellen Mittelstand die Schiedsgerichte!“, appellierte Wissmann. „Investitionsschutz ist ein fundamentaler Baustein für die Erfolgsstrategie unserer Industrie, einer Kombination aus Export aus Deutschland mit Vor-Ort-Produktion.“ Allerdings bleibe nicht mehr viel Zeit, um mit TTIP wichtige weltweite Maßstäbe zu setzen, die Verhandlungen sollten daher zügig vorangetrieben werden.

Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP, sprach auf dem Mittelstandstag über „Mehr Mut zur Marktwirtschaft“:Die Momentaufnahme vom deutschen Wirtschaftswachstum täuscht. Unser Land zehrt von den Reformerfolgen der vergangenen Jahrzehnte. Wachstumstreiber sind der niedrige Eurokurs und der gefallene Ölpreis. Statt diese Ausgangslage als Chance zu begreifen, glänzt die Große Koalition mit Wahlgeschenken, Regulierungen und Bürokratie. Vom Anspruch des Koalitionsvertrages, die Zukunft zu gestalten, ist nichts geblieben. Mit dem Rentenpaket, dem Mindestlohn samt seinen Dokumentationspflichten und der Frauenquote sind neue Belastungen entstanden. Zukunftsprojekte wie der Ausstieg aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, ein Punktesystem für qualifizierte Einwanderung oder eine schnelle Umsetzung des Freihandelsabkommens TTIP werden nicht angegangen. Bestes Beispiel dafür ist der letzte Koalitionsgipfel, den man kurz zusammenfassen kann: Außer Spargel nichts gewesen. Die Freien Demokraten wollen die Weichen anders stellen. Unser Ziel ist eine Republik der Chancen, mit bester Bildung, einer neuen Gründerkultur und fairen Wettbewerbsbedingungen. Deutschland braucht Investitionen, Innovationen und Bürokratieabbau, damit es Wachstumslokomotive bleibt, statt wieder kranker Mann Europas zu werden.“

Arndt G. Kirchhoff betonte: „Im Mittelpunkt unseres diesjährigen VDA-Mittelstandstages stehen erstens Internationalisierung und Lokalisierung sowie zweitens Standortsicherung. Aber sind das wirklich zwei Seiten? Haben wir nicht in den letzten zwei Jahrzehnten – Automobilhersteller und Zulieferer – mit unseren Standorten in Deutschland erheblich von den internationalen Erfolgen und den damit verbundenen Investitionen auf Wachstumsmärkten profitiert? Oder, anders gefragt: Sind die internationalen Erfolge der deutschen Automobilindustrie und das Profitieren von wachsenden Märkten nicht überhaupt nur denkbar, solange wir wettbewerbsfähige Standorte hier in Deutschland haben? Mit Blick auf Wettbewerber in anderen europäischen Ländern kann die Antwort nur lauten: Ja! Die starke Position, die sich die deutschen Unternehmen erarbeitet haben, liegt in der Internationalisierung begründet.

Sie ist somit eine der Hauptursachen für den Erfolg der mittelständischen und oft familiengeführten Unternehmen in Deutschland. Wir Familienunternehmer sind fest verwurzelt mit unseren heimischen Standorten, sie sind und bleiben Ausgangsbasis für unser Wachstum. Die strategische Weiterentwicklung unserer Unternehmen fußt auf dieser starken Basis.

Die Notwendigkeit zur Internationalisierung ist längst über die 1st-Tier-Ebene hinausgewachsen. Das Thema wird für die 2nd-, ja auch für die 3rd-Tier-Ebene immer wichtiger. Das Verharren in einer bislang vielleicht noch lukrativen Nische am heimischen Standort kann kein Zukunftsmodell sein. Unsere Unternehmer wissen: Auch kleinere Zulieferer müssen sich international orientieren. Die Workshops auf dem Mittelstandstag sollen sie hierbei unterstützen.“

Dr. Rolf Breidenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hella KGaA Hueck & Co., unterstrich: „Der Mittelstand ist das Fundament der deutschen Wirtschaft und ein wesentlicher Innovationsmotor der deutschen Automobilindustrie. Mittelständische Unternehmen zeichnen sich in der Regel durch Eigenschaften aus, die sie langfristig stark machen: Unternehmertum, Erfindergeist, Flexibilität und Pragmatismus sowie kurze Entscheidungswege. Auch die Wurzeln des Automobilzulieferers Hella finden sich im Mittelstand. Mit Blick auf die Unternehmensgröße sind wir dem Segment zwar längst entwachsen – die Erfolgsprinzipien gehören aber nach wie vor fest zu unserer Unternehmenskultur und Strategie.“

Barb Samardzich, Chief Operating Officer (COO) Ford of Europe, sprach über die neuen Megatrends, die sich auf die Zukunft der Mobilität auswirken werden, und über die Sichtweise von Ford auf künftige Innovationen im Verkehrswesen. Dabei fokussierte sie auf wichtige industrielle Trends, Technologien und Innovationen von „Big Data“ – über positive Kundenerlebnisse und Konnektivität bis hin zum Autonomen Fahren. Anhand dieser Themenfelder erläuterte sie, wie Ford gemeinsam mit seinen Entwicklungs- und Zulieferpartnern an neuen Projekten arbeitet. Ziel dabei sei es, in allen Fahrzeugsegmenten bezahlbare und nachhaltige Technologie-Neuheiten für vernetzte, effiziente Mobilitäts-lösungen zu schaffen. Außerdem sprach Barb Samardzich auch über die Pläne zur Weiterentwicklung von Ford in Europa, in deren Mittelpunkt die Themen Kosten, Qualität und Produkt stehen.

Dr. Karl Pall, Director Brand Solutions, Google Europe, sprach über „Unternehmerische Chancen in einer digitalisierten Welt“ und betonte: "Noch vor wenigen Jahren waren Tablets, Smartphone und kabelloses Internet Science Fiction. Heute trägt fast jeder einen Supercomputer in der Tasche. Großkonzerne – aber auch Mittelständler – sollten die Chancen der neuen Technologien für sich nutzen und prüfen, wie sie ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln können. Um die digitale Transformation zu meistern, braucht es die drei M: Mindset, Manager und Mitarbeiter. Digitalisierung muss ‚von oben‘ gelebt werden. Ein Chief Digital Officer kann Marketing-, Vertriebs- und IT-Kompetenz vereinen. Und nicht zuletzt braucht ein Unternehmen im digitalen Zeitalter motivierte Mitarbeiter, die sowohl die Kompetenz als auch die Freiheit haben, Entscheidungen zu treffen.“

Peter Fuß, Senior Advisory Partner Automotive, Ernst & Young (EY), präsentierte auf dem Mittelstandstag die Ergebnisse der neuen Studie „Automobilstandort Deutschland 2015 – Status quo und neue Herausforderungen“, die Ernst & Young im Auftrag des VDA erstellt hat. Der aktuelle Befund ist erfreulich: Die deutsche Automobilindustrie hat sich in den letzten Jahren nicht nur international, sondern auch am Standort Deutschland positiv entwickelt – insbesondere im Vergleich zu ihren europäischen Wettbewerbern. Seit 2006 stieg die Beschäftigung in der deutschen Automobilindustrie um 6 Prozent, der Umsatz sogar um mehr als ein Viertel. Und Deutschland wird von den befragten internationalen Automobilmanagern weiterhin als attraktiver Standort angesehen.

Dennoch dürfe sich Deutschland nicht auf dem Erreichten ausruhen: „Die Energie- und Arbeitskosten in der deutschen Automobilindustrie sind im internationalen Vergleich bereits sehr hoch – und hohe Tarifabschlüsse erhöhen noch den Druck auf Hersteller und Zulieferer, weiter Kosten zu senken“, heißt es in der Studie. Die Aufgabe, einen möglichst großen Anteil der Produktion am Standort Deutschland zu halten, werde nur unter wettbewerbsfähigen politischen Rahmenbedingungen und mit ständigen Kostensenkungs- und Effizienz-steigerungsmaßnahmen zu leisten sein. Unter Zulieferern werde der hohe Kosten- und Innovationsdruck aller Voraussicht nach den Weg für weitere Konsolidierungen ebnen, so die Studie, für die u. a. eine Befragung von 300 Unternehmen der weltweiten Automobilindustrie, davon über 90 Prozent Zulieferunternehmen, durchgeführt wurde.

Eckehart Rotter
Eckehart Rotter Leiter Abteilung Presse

Tel: +49 30 897842-120 Fax: +49 30 897842-603
Nach oben springen