Pressemeldungen

Wissmann: Weltmarkt weiter auf Wachstumskurs

Berlin, 02. Juli 2015

Deutscher Markt dynamisch - Westeuropas Erholung stärkt Export – Standort Deutschland wettbewerbsfähig halten

Statement von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich der VDA-Halbjahres-Pressekonferenz am 02. Juli 2015, 11.30 Uhr, Berlin.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur Halbjahrespressekonferenz des VDA. Sie haben zudem druckfrisch den VDA-Jahresbericht auf Ihren Tischen.

Im Automobiljahr 2015 sind die großen Märkte weiterhin auf Wachstumskurs, doch insgesamt lässt die Dynamik auf dem Weltmarkt etwas nach.

  • Der US-Markt (Light Vehicles) wird um rund 2 Prozent auf 16,7 Mio. Einheiten zulegen.
  • Für China erwarten wir ein Plus von 6 Prozent auf knapp 19,5 Mio. Neuwagen.
  • Westeuropa wächst im Gesamtjahr um 4 Prozent auf knapp 12,6 Mio. Autos.

Da andererseits der Mercosur-Raum und Russland in diesem Jahr erneut im Minus-Bereich sind – auch Japan ist schwach –, wird der Pkw-Weltmarkt 2015 nur leicht um knapp 1 Prozent auf 76,6 Mio. Einheiten steigen.

Am langfristigen Trend ändert sich dadurch nichts: Der Weltautomobilmarkt wird weiter wachsen – bis zum Jahr 2020 auf knapp 89 Mio. Autos.

Zum bisherigen Jahresverlauf:

  • Der Light-Vehicle-Absatz in den USA ist bis Juni um gut 4 Prozent auf knapp 8,5 Mio. Einheiten gestiegen. Die deutschen Hersteller sind mit plus 6 Prozent schneller gewachsen als der Gesamtmarkt. Im Pkw-Segment beträgt unser Marktanteil gut 12 Prozent, bei Light Vehicles insgesamt sind es knapp 8 Prozent.
  • China weist bis Mai ein Plus von knapp 9 Prozent auf gut 8 Mio. Pkw auf. Unser Marktanteil umfasst mehr als ein Fünftel (21,2 Prozent). Wir verfolgen die aktuelle Entwicklung auf diesem größten Pkw-Markt sehr aufmerksam: Der Wettbewerb nimmt an Schärfe zu. Das Potenzial in China ist noch längst nicht ausgereizt: Derzeit kommen auf 1.000 chinesische Bürger 61 Pkw – in Deutschland sind es 540 Autos auf 1.000 Einwohner.
  • Westeuropa hat bis Mai um 7 Prozent auf 5,6 Mio. Neuwagen zugelegt.

Die westeuropäischen Automobilländer haben nach Jahren der Krise wieder Tritt gefasst. Die Top-5-Länder sind in den ersten fünf Monaten durchweg im Plus.

Wir rechnen damit, dass das im Gesamtjahr 2015 so bleibt:

  • Bemerkenswert wird das Wachstum in Spanien (+16 Prozent),
  • auch Italien macht mit plus 8 Prozent Freude.
  • Großbritannien hat nach zwei dynamischen Jahren ein hohes Niveau erreicht und wird 2015 moderat um 2 Prozent zulegen.
  • Frankreich wächst in diesem Jahr ebenfalls um 2 Prozent.

Der Absatz in den neuen EU-Ländern wird 2015 um 6 Prozent auf 950.000 Neuwagen steigen.

Aufgrund des hohen Marktanteils der deutschen Konzernmarken in Europa (Westeuropa: 50 Prozent; Neue EU-Länder: 51 Prozent), wirkt sich die Erholung des Kontinents positiv auf unsere Unternehmen aus – auch auf die Zulieferer.

Pkw-Markt in Deutschland legt zu – höhere Beschäftigung

Damit komme ich zum Inland. Der deutsche Pkw-Markt hält Kurs:

Im ersten Halbjahr stiegen die Neuzulassungen um 5 Prozent auf 1,62 Mio. Einheiten.

Für das Gesamtjahr erwarten wir ein Volumen von 3,1 Mio. Neuzulassungen (+2 Prozent).

Dennoch – mehr Bestandserneuerung täte unserem Land gut. Anfang 2015 waren in Deutschland 44,4 Mio. Autos zugelassen, eine halbe Million mehr als ein Jahr zuvor. Die Autos auf Deutschlands Straßen werden immer älter: Im Schnitt sind sie neun Jahre alt (Vorjahr: 8,8 Jahre). Das mag für unsere Produkte und ihre Langzeitqualität sprechen. Doch für Umwelt und Sicherheit ist das keine gute Nachricht: Ein Fünftel des gesamten Pkw-Bestandes – fast 9 Mio. Autos – stammt aus dem letzten Jahrhundert, mit deutlich schlechteren Emissionswerten, höherem Verbrauch und weniger Sicherheit, verglichen mit heutigen Neufahrzeugen.

Die wirklich gute Nachricht lautet: Die Beschäftigungslage ist gut:

Die Zahl der Beschäftigten im Inland liegt mit 785.100 Mitarbeitern um gut 2 Prozent oder 18.000 Mitarbeiter höher als vor einem Jahr (Stand: April 2015/April 2014).

Der Umsatz ist in den ersten vier Monaten um 10 Prozent auf 132,8 Mrd. Euro gestiegen.

Dabei hat der Auslandsumsatz (+12 Prozent auf 86,9 Mrd. Euro) schneller zugelegt als der Inlandsumsatz (+6 Prozent auf 45,9 Mrd. Euro).

Export und Produktion im Gesamtjahr leicht höher – starker Juni

Für das Gesamtjahr erwarten wir einen leichten Anstieg der Inlandsproduktion (+2 Prozent auf 5,7 Mio. Pkw) und des Exports (+2 Prozent auf 4,4 Mio. Neuwagen).

Im ersten Halbjahr lag der Export mit gut 2,2 Mio. Pkw etwas über Vorjahr (+1 Prozent). Im Juni selbst konnte – auch bedingt durch zwei zusätzliche Arbeitstage – ein Zuwachs von 17 Prozent verzeichnet werden.

Die Inlandsproduktion war mit gut 2,9 Mio. Einheiten im ersten Halbjahr stabil. Im Juni stieg sie um 12 Prozent.

Der Auftragseingang aus dem Inland ist bis Juni um knapp 7 Prozent gestiegen, der Auftragseingang aus dem Ausland um knapp 6 Prozent. Wir erwarten eine stabile Beschäftigung auf dem derzeitigen Niveau. Die Auslandsproduktion wird 2015 um 5 Prozent auf 9,8 Mio. Neuwagen steigen.

Standort Deutschland muss seine Wettbewerbsfähigkeit wieder steigern

Die deutsche Automobilindustrie ist hoch innovativ – wir investieren pro Jahr rund 30 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung – und sie ist global aufgestellt.

Wir müssen uns allerdings darauf einrichten, dass der Gegenwind zunimmt. Die derzeit guten Konjunkturaussichten in Deutschland werden vor allem getrieben vom privaten Konsum: Der Ölpreis ist – in Euro gerechnet – um 31 Prozent niedriger als vor einem Jahr, das entlastet private Haushalte und Unternehmen. Der EZB-Leitzins ist seit Herbst 2014 auf Rekordtief (0,05 Prozent) und stimuliert dadurch ebenfalls den privaten Konsum. Doch das trägt nicht auf Dauer.

Umso wichtiger ist es, nachhaltig die Investitionstätigkeit in Deutschland zu stärken und am heimischen Standort rasch Maßnahmen zu ergreifen, um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder zu steigern und nicht an Vorsprung zu verlieren. Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Standorte ist weder ein Naturgesetz noch ein künftiger Selbstläufer. Sie muss vielmehr jeden Tag neu erarbeitet werden.

Gerade in guten Zeiten muss Vorsorge getroffen werden. Das Dach deckt man bei Sonnenschein neu, nicht erst bei Regen. Vorsorge treffen: Das gilt nicht nur für jedes Unternehmen, sondern auch für die Politik.

Diese Indikatoren machen uns Sorgen:

  • Die Energiekosten steigen – und im Vergleich zu den USA sind sie doppelt so hoch.
  • Vor allem in Deutschland werden die Vorteile, die TTIP bietet, kaum erkannt, in der Öffentlichkeit überwiegen die kritischen Stimmen. Hier wird leichtfertig mit den Zukunftsaussichten der deutschen Wirtschaft und damit unseres Wohlstands gespielt.
  • Die Lohnstückkosten gehen seit einigen Jahren wieder nach oben, stärker als bei unseren Nachbarn.
  • Die Flexibilität im Arbeitsmarkt droht eher geringer zu werden.
  • Die Rente mit 63 verstärkt den Fachkräftemangel und trifft vor allem mittelständische Unternehmen – zudem erhöht sie die Sozialkosten.
  • Um die Umsetzung des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer sorgen sich unsere mittelständischen Familienunternehmen.

Wer sich heute immer noch in Partylaune befindet und meint, er könnte das Füllhorn weiterer sozialpolitischer Wohltaten ausschütten, blendet aus, dass eine solche Politik schneller an die Substanz geht als gedacht. Dies gilt für die Politik insgesamt – und auch für die Tarifpolitik.

Deshalb ist ein neuer Kurs erforderlich, der zusätzliche Belastungen für die Industrie nicht zulässt und gezielt alles politisch priorisiert, was die Standortattraktivität Deutschlands wieder erhöht.

Exportnation Deutschland braucht Freihandel

Drei von vier Autos, die wir hier in Deutschland produzieren, liefern wir ins Ausland. Das heißt aber auch: Drei von vier Jobs in der deutschen Automobilindustrie hängen am Export. Wir sind damit – mehr als unsere Nachbarn – auf offene Märkte angewiesen. Darum brauchen wir Freihandelsabkommen, darum brauchen wir TTIP. Wir müssen diese geopolitische Chance nutzen und ergreifen.

Und wir müssen uns entschlossen dem Trend zu Protektionismus entgegenstellen, der in vielen Ländern – etwa in Argentinien, Brasilien, Indien, China, und Russland – zu beobachten ist. Die WTO erfasst seit 2008 alle neuen Handelshemmnisse der G20-Länder. Die Zahl ist auf 1.244 gestiegen, nur ein knappes Viertel (282) wurde wieder zurückgenommen. Allein zwischen Mai und Oktober 2014 kamen 93 neue handelsbeschränkende Maßnahmen hinzu. Dies stellt auf Dauer eine Gefahr für die Weltwirtschaft dar. Wir erwarten von der EU-Kommission eine neue Offensive für Freihandel – multilateral und bilateral.

Griechenland darf nicht „koste, was es wolle“ in der Eurozone gehalten werden

Wir erleben entscheidende Tage für Europa. Griechenland darf nicht „koste, was es wolle“ in der Eurozone gehalten werden. Viel wichtiger ist es, mit einer überzeugenden Zukunftsstrategie auch die Eurozone zu stärken und den Gedanken der Nachhaltigkeit und Stabilität in allen Mitgliedsstaaten überzeugend zu realisieren. Dann kann aus der griechischen Krise auch eine reinigende Wirkung für die anderen Euro-Staaten entstehen.

Entscheidend ist, dass in der EU und in der Eurozone bestehende Verträge und Regeln wieder Geltung haben und eingehalten werden. Es muss das Prinzip gelten, Hilfe nur dann zu geben, wenn sie an grundsätzliche Reformen geknüpft ist, die auch glaubhaft umgesetzt werden. Portugal, Spanien und Irland sind hierfür positive Beispiele.

Großbritannien muss Mitglied in der EU bleiben

Wesentlich entscheidender für die Zukunft Europas ist  der langfristige Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union. Jetzt müssen sowohl die britische Regierung als auch EU-Kommission und Bundesregierung alles tun, um Großbritannien in der Europäischen Union zu halten. Nutzen wir die Chance, gemeinsam mit Großbritannien die EU besser zu machen. Überzogene britische Erwartungen können wir nicht erfüllen. Aber Ansätze Londons zu weniger Zentralisierung und mehr Marktwirtschaft und  Effizienz der EU sollten wir aktiv unterstützen.

Gerade Deutschland verbindet viel mit britischer Wirtschaftspolitik: Die Briten sind für eine Stärkung des weltweiten Freihandels, sie sind für TTIP. Sie sprechen sich eindeutig für marktwirtschaftliche Lösungen aus – und sie sind gegen jedes Übermaß an staatlichem Interventionismus. Hinzu kommt das gemeinsame strategische Interesse der Nettozahler Großbritannien und Deutschland, das „fiskalische Gleichgewicht“ in der EU nicht zu verlieren.

Auch für unsere Industrie ist Großbritannien ein Schwergewicht: Der Marktanteil der deutschen Automobilindustrie in Großbritannien beträgt 53 Prozent. Seit dem Jahr 2001 ist UK unser wichtigster Pkw-Exportpartner: Rund ein Fünftel (820.900 Neuwagen) unserer Pkw-Exporte ging 2014 nach Großbritannien. Beim Pkw-Exportwert steht dieses Land mit 17,9 Mrd. Euro (plus 17 Prozent) klar auf Platz zwei, hinter den USA. Außerdem werden in Großbritannien Modelle deutscher Konzernmarken gefertigt. All das darf nicht durch einen möglichen EU-Austritt gefährdet werden.

IAA Pkw in Frankfurt erstmals mit New Mobility World

Die weltweit wichtigste Mobilitätsmesse, die 66. IAA Pkw, startet im September in Frankfurt am Main. Die Online-Akkreditierung für Journalisten ist bereits aktiviert.  Wir werden Sie in den kommenden Wochen ausführlich über die Highlights informieren. Die Elektromobilität ist längst fester Bestandteil der IAA, die Zahl der Modelle nimmt stetig zu.

Auf einen weiteren wichtigen Innovationsschwerpunkt will ich heute aufmerksam machen: Auf dieser IAA wird das vernetzte und automatisierte Fahren einen besonderen Platz einnehmen. Denn diese Technologien machen das Autofahren noch sicherer, die Unfallzahlen werden deutlich zurückgehen. Auch Parkrempler wird es nicht mehr geben. Der Komfort nimmt zu, eines Tages werden Autos automatisch ins Parkhaus fahren.

Mit der Vernetzung können Staus vermieden werden, das spart Kraftstoff und CO2. Vor allem für das Nutzfahrzeug bietet das vernetzte und automatisierte Fahren enorme Chancen, weil es mit seiner viel größeren jährlichen Laufleistung auf der Autobahn die Vorteile noch stärker nutzen kann. Unsere Nutzfahrzeughersteller sind bei diesen Zukunftstechnologien führend.

In den kommenden drei bis vier Jahren investieren die deutschen Hersteller und Zulieferer 16 bis 18 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung zum vernetzten und automatisierten Fahren. Auf der IAA wird es dazu einen neuen, eigenen Ausstellungsbereich geben – die New Mobility World. Wir wollen zeigen: Keine Branche allein wird die Herausforderungen der Mobilität der Zukunft lösen können. Alle relevanten Akteure können sich daher in der New Mobility World zu diesen unterschiedlichen Themenfeldern präsentieren.

Auch in der Vergangenheit automobilferne Unternehmen wie Google, Deutsche Telekom oder Samsung werden dort ihre Beiträge zur Mobilität der Zukunft interaktiv präsentieren.  Wir sind davon überzeugt: Digitalisierung und Vernetzung der Gesellschaft, urbane Mobilität und Mobility Services bieten ganz neue Möglichkeiten für die individuelle Mobilität, mit und rund um das Auto. Die IAA ist hierfür die richtige Plattform.

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen:

  • Das erste Halbjahr ist erfolgreich für die deutsche Automobilindustrie verlaufen.
  • Wir haben unsere globale Präsenz weiter gefestigt.
  • Wir sind auf allen wichtigen Wachstumsmärkten gut positioniert.
  • Beschäftigung und Umsatz sind gestiegen.
  • Beim Export, und damit bei der Pkw-Inlandsproduktion, sehen wir das zweite Halbjahr stärker.
  • Die drei großen Märkte – Westeuropa, USA und China – legen auch 2015 weiter zu.
  • Der internationale Wettbewerb wird härter.
  • Wir müssen politisch also alles tun, um den Industriestandort Deutschland wieder zu stärken.
  • Und wir brauchen offene Märkte und Freihandelsabkommen, damit Beschäftigung und Wohlstand hier in Deutschland weiter hoch bleiben.

Neuzulassungen Pkw

  Juni 2015 Januar - Juni 2015
Personenkraftwagen *) Anzahl Veränderung
14/13 in %
Anzahl Veränderung
14/13 in %
Neuzulassungen 313.600 13 1.619.000 5
  davon
    dt. Marken inkl. Konzernmarken 228.300 15 1.170.800 6
    ausl. Marken 85.300 8 448.200 4
Export 389.900 17 2.246.300 1
Produktion 511.100 12 2.917.300 0
*) z.T. vorläufig
 
Eckehart Rotter
Eckehart Rotter Leiter Abteilung Presse

Tel: +49 30 897842-120 Fax: +49 30 897842-603
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