Pressemeldungen

Deutsche Hersteller steigern US-Absatz auf rund 1,4 Millionen Light Vehicles

Detroit, 11. Januar 2016

Statement von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), zur VDA-Pressekonferenz in Detroit (USA)

Meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich zu unserer VDA-Pressekonferenz hier auf der Detroit Motor Show.

Das konjunkturelle Umfeld, in dem diese für die USA wichtigste Automobilmesse stattfindet, ist gut. Das Bruttoinlandsprodukt ist 2015 voraussichtlich erneut um 2,4 Prozent gewachsen, für 2016 wird mit einem Plus von 2,6 Prozent gerechnet. Die Beschäftigung ist hoch, der Ölpreis um 40 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Das Konsumentenvertrauen bewegt sich auf hohem Niveau.

All dies spiegelt sich im Automobilmarkt wider: Der US-Markt ist 2015 laut WardsAuto um 6 Prozent auf 17,4 Mio. Light Vehicles (Pkw und Light Trucks) Neufahrzeuge gestiegen. Das ist ein neuer Rekordwert. Selbst der bisherige Höchststand aus dem Jahr 2000 wurde übertroffen.

Ein Trend, der bereits in den Vorjahren erkennbar war, setzt sich fort: Das Light-Truck-Segment wächst zweistellig und treibt den Markt. 2015 wurden mit knapp 9,9 Mio. Einheiten 13 Prozent mehr Light Trucks verkauft als im Vorjahr. Das Pkw-Segment hingegen musste einen Rückgang um 2 Prozent auf 7,5 Mio. Einheiten verkraften.

Der Light-Truck-Anteil am gesamten US-Markt ist im vergangenen Jahr auf 57 Prozent gestiegen, auf Pkw entfallen nur noch 43 Prozent. Dazu passt, dass das Middle CUV-Segment mit 3,2 Mio. Einheiten nun das absatzstärkste ist, es konnte im Jahr 2015 die Middle Cars von Rang 1 ablösen.

Angesichts des niedrigen Benzinpreises dürfte diese Entwicklung auch in diesem Jahr zu beobachten sein. Insgesamt wird nach unseren Prognosen der US-Markt (Light Vehicles) 2016 leicht zunehmen – auf 17,5 Mio. Fahrzeuge (+1 Prozent).

Damit komme ich zu den deutschen Herstellern. Sie haben 2015 ihren Absatz auf dem US-Markt um 2 Prozent auf rund 1,4 Mio. Neuwagen gesteigert. Das ist ein neuer Höchstwert. Wir kommen als deutsche Automobilindustrie also mit berechtigter Zuversicht nach Detroit.

Allerdings gibt es durchaus Herausforderungen.

Das Pkw-Segment, in dem die deutschen Marken stark sind, verliert an Gewicht. Wir konnten unseren Marktanteil mit 12,3 Prozent halten. Im stark wachsenden Light-Truck-Segment erhöhten die deutschen Hersteller ihren Marktanteil, mit einem Absatzplus von 14 Prozent waren sie schneller als der Markt unterwegs.

Insgesamt haben die deutschen Hersteller damit ihre Position auf dem US-Markt (Light Vehicles) im Jahr 2015 in etwa gehalten. Ihr Marktanteil beträgt 8,0 Prozent (Vorjahr: 8,3 Prozent).

Natürlich sind wir auch mit der Absicht nach Detroit gekommen, uns klar zum Diesel zu positionieren. Öffentlichkeit, Behörden, Verbraucher und Kunden sind verunsichert.

Die Diesel-Strategie, die die deutsche Automobilindustrie seit vielen Jahren insbesondere auf dem wichtigen US-Markt verfolgt, wurde durch die Vorgänge in einem großen Unternehmen erheblich beschädigt.

Ich bin sicher, dass Volkswagen mit ganzer Kraft daran arbeitet, um verloren gegangenes Vertrauen bei den Kunden in Nordamerika wieder zurückzugewinnen. Alle unsere Mitgliedsunternehmen werden daran arbeiten, die Verbraucher von den Vorteilen, die der Diesel mit seinem niedrigen Verbrauch und seinen geringen CO2-Emissionen hat, zu überzeugen. Sogar der ICCT-Test hat gezeigt, dass es nicht um ein generelles Problem des Diesel geht, sondern um eine spezifische Manipulation von Software.

Es wird nicht von heute auf morgen gelingen, Vertrauen beim Verbraucher wieder zu gewinnen. Das braucht Zeit. Aber es ist auch für die USA von Bedeutung, jetzt, nach dem Klimagipfel in Paris. Die Vereinigten Staaten haben sich in Paris – gemeinsam mit vielen anderen Ländern – zum Ziel bekannt, den CO2-Ausstoß zu verringern, um so einen wesentlichen Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten. Alle Experten sind sich einig, dass der moderne Diesel hierzu hilfreich sein kann.

Wir haben bei Diesel-Pkw in den USA einen Marktanteil von 95 Prozent und bleiben damit bei dieser Antriebsart klar dominierend.

Ich betone auch: Trotz des Gegenwinds, den wir natürlich gerade hier in den USA erleben, wird sich die deutsche Automobilindustrie nicht von der Diesel-Strategie verabschieden. Wir halten am Diesel fest. Denn wir sind davon überzeugt, dass der Diesel nicht nur beim Verbrauch und damit bei den CO2-Emissionen seine Vorteile ausspielen kann, sondern dass er – mit modernster Abgastechnologie – auch die anspruchsvollsten Schadstoffgrenzwerte einhält. Und zwar legal und ohne Tricks.

Klar ist: Der Diesel ist nicht das Ende des automobilen Alphabets. Die Elektromobilität ist ein wichtiger Teil der automobilen Zukunft.

Besonders erfreulich ist der Markterfolg, den die deutschen Hersteller mit ihren Elektroautos in den USA haben. Innerhalb eines Jahres haben sie mit ihren attraktiven neuen Modellen ihren Marktanteil mehr als verdoppelt und von 9 auf gut 20 Prozent gesteigert. Mit mehr als 23.000 Neuwagen konnten die deutschen Hersteller 2015 ihren Absatz von E-Autos hier in den Vereinigten Staaten um über 100 Prozent erhöhen. Das ist umso bemerkenswerter, als der US-Markt für Elektroautos – nach Jahren des kräftigen Wachstums – 2015 eine Verschnaufpause einlegte und um 5 Prozent zurückging. Jedes fünfte neue Elektroauto, das 2015 in den USA verkauft wurde, zählt zu einer deutschen Marke. Der US-Markt ist für die deutschen Hersteller von Elektroautos der weltweit wichtigste und größte. Unser Absatz von E-Autos liegt hier deutlich höher als in Deutschland.

Schon heute kommen 40 Prozent aller E-Modelle, die in den Vereinigten Staaten angeboten werden, von deutschen Herstellern.

2016 und in den nachfolgenden Jahren wird die deutsche Automobilindustrie in den USA und weltweit ihre E-Mobilitätsoffensive massiv weiter verstärken. Wir sehen uns als eine Lead-Nation bei der strategischen Zielsetzung, durch E-Mobilität die CO2-Emissionen aus dem Verkehr weiter zu reduzieren.

Es wäre verkehrt, wenn man die Präsenz der deutschen Automobilindustrie hier in den USA auf den Diesel reduzieren würde. Das Gegenteil ist der Fall. 90 Prozent aller Pkw, die die deutschen Hersteller auf diesem Markt verkaufen, sind Benziner, bei einzelnen Herstellern liegt der Anteil noch höher. Besonders stark sind die deutschen Hersteller bei Premium-Pkw und Premium-CUV: Hier liegt ihr Marktanteil jeweils bei über 40 Prozent.

Die Modelloffensive unserer Premiummarken ist auf dieser Messe eindrucksvoll zu sehen. Ich nenne hierzu nur einige Premieren: Audi A4 Allroad quattro, BMW M2 und BMW X4 M40i, Mercedes-Benz E-Klasse und SLC, Porsche 911 Turbo und Turbo S.

Premium steht natürlich für Bestwerte bei Qualität, Design, Sicherheit, Komfort, Dynamik und Effizienz. Premiummarken leben aber darüber hinaus insbesondere von ihrer Emotionalität. Die Kunden erleben – beginnend mit dem Kauf und später bei jeder Fahrt – einen emotionalen Zusatznutzen, der die Bindung an die Premiummarke verstärkt.

Der Markterfolg der Deutschen ist auch darauf zurückzuführen, dass sie ihre Produktion frühzeitig internationalisiert haben:

  • 43 Prozent der Light Vehicles, die die deutschen Hersteller in den USA 2015 verkauften, wurden in Deutschland gefertigt. Für unsere Unternehmen sind die USA Exportland Nr. 2 (nach Großbritannien). Wertmäßig betrachtet steht für die deutschen Hersteller der Export in die USA sogar auf Platz 1. Der Exportwert stieg 2015 auf über 24 Mrd. Euro und damit auf ein neues Höchstniveau
  • Knapp ein Viertel (23 Prozent) kam aus Werken in den Vereinigten Staaten – Tendenz: steigend
  • Weitere 16 Prozent stammen aus Mexiko
  • Mit 39 Prozent wurde damit deutlich mehr als ein Drittel unseres US-Absatzes im Nafta-Raum produziert

Die USA sind für die deutschen Hersteller nicht nur als Markt, sondern auch als Produktionsstandort immer wichtiger. 2015 konnten sie ihre Fertigung an US-Standorten um 13 Prozent auf 810.000 Einheiten steigern. Gut 40 Prozent der US-Produktion wurde in den Vereinigten Staaten selbst abgesetzt, ein knappes Viertel ging jeweils nach Asien und Europa. Der Export nach Asien und Europa legte 2015 jeweils zweistellig zu.

Ich finde es bemerkenswert, dass die deutschen Hersteller damit sowohl ihren Export aus den USA – als auch ihren Exportwert aus Deutschland in die USA steigern konnten. Volkswirtschaftlich betrachtet, ergibt sich daraus ganz klar eine Win-win-Situation für beide Länder.

Aktuell beschäftigen die deutschen Hersteller in ihren US-Werken 35.000 Mitarbeiter, das sind rund 2.500 mehr als vor einem Jahr. Jeder sechste Arbeitsplatz bei Automobilherstellern in den USA gehört damit zu einem deutschen Hersteller.

Noch stärker ist der Beschäftigungsbeitrag der deutschen Zulieferer – hier sind 77.000 Mitarbeiter beschäftigt, das sind 5.000 mehr als vor einem Jahr. Dabei ist die Übernahme von TRW durch ZF noch nicht berücksichtigt. Dieser Zuwachs erklärt sich auch durch die Tatsache, dass die deutschen Zulieferer nicht nur an die deutschen Hersteller, sondern auch an andere OEM liefern, die in den USA Autos produzieren.

Auch beim zweiten großen Innovationstreiber – dem vernetzten und automatisierten Fahren – setzt die deutsche Automobilindustrie wesentliche Akzente. Die IAA Pkw im September hat mit der „New Mobility World“ die Richtung vorgegeben: Der Highway zur digitalen Mobilität wird mit großer Geschwindigkeit gebaut. Einfach ausgedrückt: Smartphone und Auto wachsen zusammen. Dazu ist eine Partnerschaft zwischen Automobilherstellern und IT-Branche erforderlich. Und wir haben den Anspruch, auch bei dieser „Mobilität von morgen“ im „driver’s seat“ zu sitzen. Allein in den kommenden drei bis vier Jahren investieren deutsche Hersteller und Zulieferer 16 bis 18 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung für das vernetzte und automatisierte Fahren. Die Digitalisierung bringt enorme Vorteile: Autofahren wird noch sicherer, komfortabler und effizienter.

Die hohe Innovationsgeschwindigkeit und die zahlreichen neuen Modelle, die die deutschen Hersteller in den USA auf den Markt bringen, sind die Grundlage dafür, dass wir auch für das Jahr 2016 mit einem stabilen Absatz hier in den USA rechnen, also erneut mit rund 1,4 Mio. Light Vehicles – wobei die Folgewirkungen aus den Diesel-Geschehnissen noch nicht vollständig erkennbar sind.

Mittelfristig rechne ich mit einem weiteren Wachstum der deutschen Marken auf dem US-Markt. Auch die Zahl der Modelle, die wir im Nafta-Raum produzieren, nimmt zu.

Hier in Detroit plädiere ich zum Start in das Jahr 2016 für einen aktiven Schluss-Spurt, damit das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP zum Erfolg geführt werden kann. Für die Bürger und Unternehmen in den USA und in Europa würde das Freihandelsabkommen große Vorteile bringen.

Besonders für die deutsche Automobilindustrie ist ein solches Abkommen von strategisch wichtiger Bedeutung. Und das nicht nur, weil unsere Exportquote bei 77 Prozent liegt. Sondern weil wir auf beiden Seiten des Atlantiks produzieren – und auch jeweils in den anderen Wirtschaftsraum liefern. Allein die Zölle in den USA und der EU addieren sich für die deutsche Automobilindustrie pro Jahr auf rund 1 Mrd. Euro. Hinzu kommen nichttarifäre Handelshemmnisse, deren Kosten noch viel höher sind. Wenn diese Hindernisse weggeräumt werden, gibt das Platz für zusätzliches Wachstum und mehr Wohlstand.

Und wir alle sollten wissen, dass ein transatlantisches Freihandelsabkommen nie isoliert zu sehen ist – der pazifische Raum bietet unseren US-amerikanischen Freunden eine durchaus attraktive Alternative. Auch deshalb nutze ich die Chance, auf die Notwendigkeit von TTIP für die deutsche Automobilindustrie hinzuweisen.

Eckehart Rotter
Eckehart Rotter Leiter Abteilung Presse

Tel: +49 30 897842-120 Fax: +49 30 897842-603
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