Pressemeldungen

Wissmann: Deutsche Automobilindustrie mit starker US-Produktion

Detroit/Berlin, 09. Januar 2017

Modelloffensive in der Elektromobilität – Steigender Marktanteil bei Light Trucks – Hohe Exportquote – TTIP bringt Vorteile für beide Seiten

Statement von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich der VDA-Pressekonferenz in Detroit am Montag, 09.01.2017, 6.45-07.05 Uhr (EST), Schaeffler-Lounge

2016 brachte nicht nur politisch so manche Überraschung. Auch das Automobiljahr war turbulent und stellte insbesondere die deutsche Automobilindustrie vor große Herausforderungen, vor allem hier in den USA.

Umso mehr freuen wir uns, dass wir mit Blick auf die Märkte mit „good news“ nach Detroit kommen: Der Pkw-Weltmarkt wird 2017 um 2 Prozent auf rund 84 Mio. Einheiten zulegen. Für Westeuropa erwarten wir mit 14 Mio. Pkw eine stabile Entwicklung (2016: 14,0 Mio.). China wird um 5 Prozent auf 24,2 Mio. Einheiten wachsen. Der US-Markt hat 2016 mit rund 17,5 Mio. Light Vehicles (Pkw und Light Trucks) ein neues Rekordniveau erreicht. Für 2017 erwarten wir ein ähnlich hohes Volumen.

Bemerkenswert sind die Strukturveränderungen im US-Light-Vehicle-Markt: Während der Pkw-Anteil seit Jahren zurückgeht, wächst das Light-Truck-Segment stetig; 2016 überschritt es die 60-Prozent-Marke. Noch im Jahr 2012 war das Verhältnis Pkw zu Light Truck 50:50. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend anhalten wird. SUV, CUV und Pickup-Trucks stehen bei den Kunden hoch im Kurs. Der Spritpreis ist mit ca. 2,20 Dollar pro Gallone weiterhin niedrig, der höhere Verbrauch spielt beim US-Kunden kaum eine Rolle.

Wie war das Jahr 2016 für die deutschen Marken auf dem US-Markt? Natürlich war es ein Jahr mit besonderen Herausforderungen. Dafür fiel der Absatzrückgang der deutschen Hersteller mit 4 Prozent auf 1,33 Mio. LV (2015: 1,38 Mio.) moderat aus. Bei Premium-Pkw und Premium-CUV sind die deutschen Hersteller weiterhin besonders stark, hier liegt ihr Marktanteil jeweils bei über 40 Prozent.

Erfreulich ist zudem, dass die deutschen Hersteller 2016 im Light-Truck-Segment ein hohes Tempo vorlegen konnten: Mit plus 13 Prozent wuchsen sie fast doppelt so schnell wie der gesamte LT-Bereich (+7 Prozent). Offensichtlich bieten wir für diesen Wachstumsmarkt effiziente und attraktive Modelle an und bauen damit unseren Marktanteil bei Light Trucks kontinuierlich aus. Heute sind vier von zehn Neuwagen, die die deutschen Hersteller in den USA verkaufen, Light Trucks. Einbußen gab es hingegen im Car-Segment, in dem die deutschen OEM seit langem gut vertreten sind. Ihr Marktanteil ging auf 11,8 Prozent (2015: 12,3 Prozent) zurück. Allerdings spielen dabei auch Modellzyklen eine Rolle.

Deutsche Hersteller mit hohem US-Marktanteil bei Elektroautos

Eine Erfolgsgeschichte der deutschen Hersteller ist die Elektromobilität in den Vereinigten Staaten. Wir haben 2016 den Absatz auf diesem – nach China – zweitgrößten E-Markt um fast ein Viertel gesteigert. Jeder fünfte Elektro-Neuwagen, der derzeit in den USA verkauft wird, zählt zu einer deutschen Marke. Und vier von zehn E-Modellen (BEV, PHEV), die in den USA angeboten werden, sind deutsche Konzernmarken, weitere Modelle sind für die nächste Zeit angekündigt.

In unserer weltweit angelegten E-Mobilitätsoffensive – bis zum Jahr 2020 werden wir das Angebot von E-Autos (PHEV, BEV) auf rund 100 Modelle verdreifachen – spielt der US-Markt eine entscheidende Rolle. Denn auch hier bleibt die Senkung der CO2-Emissionen auf der Agenda, die Elektromobilität ist dafür zwingend erforderlich - ebenso wie die weitere Optimierung effizienter Verbrenner.

Deutsche Hersteller haben US-Produktion seit 2009 vervierfacht

Die USA sind für die deutschen Hersteller nicht allein ein wichtiger Markt, sondern mehr denn je auch ein bedeutender Produktionsstandort. Investitionen hier und internationaler Warenaustausch gehören für uns untrennbar zusammen.

Deutsche Hersteller und Zulieferer haben ihr Engagement stark ausgebaut. Im Zeitraum 2009 bis 2016 vervierfachten die deutschen Hersteller ihre US-Produktion von 214.000 auf 850.000 Einheiten, während die gesamte US-Light-Vehicle-Produktion sich verdoppelte (von 5,6 Mio. auf 11,9 Mio. LV). Die deutschen Zulieferer haben in den vergangenen 20 Jahren die Zahl ihrer Standorte in den USA auf über 430 verdreifacht - der stärkste Anstieg über alle Regionen. Das ist ein klares Commitment für den Standort USA!

Zusammenarbeit und offene Märkte, freier Handel und Direktinvestitionen sind zwei Seiten einer Medaille, sie bringen den Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks Wohlstand und Jobs. Denn nicht nur in den USA, auch in Deutschland konnten unsere Unternehmen in den vergangenen Jahren Produktion und Beschäftigung erhöhen.

Jedes zweite deutsche Auto aus US-Produktion geht in den Export

Wohin gehen unsere Autos aus US-Produktion?

  • 41 Prozent werden in den Vereinigten Staaten verkauft.
  • Jeweils knapp ein Viertel exportieren wir aus den USA nach Europa oder Asien.
  • Die anderen Nafta-Länder (Mexiko, Kanada) sind mit 6 Prozent dabei.

Das heißt: Gut jeder zweite Job, den die deutschen Hersteller hier in den US-Werken geschaffen haben, hängt am Export. Aktuell beschäftigen die deutschen Hersteller in ihren US-Werken rund 33.000 Mitarbeiter. Bei den deutschen Zulieferern, zu deren Kunden hier in USA sowohl amerikanische als auch internationale  OEM zählen, sind es sogar 77.000 Mitarbeiter.

Umgekehrt sind die USA für Deutschland das Land mit dem höchsten Exportwert; aus Deutschland wurden in die USA 545.000 Neuwagen exportiert (-12 Prozent). Das zeigt die enge Verflechtung zwischen Deutschland und den USA.

US-amerikanische und deutsche Automobilindustrie für Abbau von Handelsbarrieren

Was erwarten wir für die Vereinigten Staaten in nächster Zeit? Donald Trump hat Infrastrukturprogramme und Steuererleichterungen angekündigt. Die Wall Street hat in den vergangenen beiden Monaten kräftig zugelegt, ein Zeichen dafür, dass die Anleger Vertrauen fassen. Wir rechnen mit einer steigenden Binnennachfrage. Daher sind wir zuversichtlich, dass sich der Light-Vehicle-Markt in den USA in diesem Jahr gut entwickeln wird.

Von besonderer Bedeutung ist für uns die Frage, welchen Stellenwert Washington künftig der Globalisierung beimisst. Klar ist: Für die deutsche Automobilindustrie sind die USA ein ganz wichtiger Markt, umgekehrt ist die Automobilproduktion in den USA auch auf den Export angewiesen. Sowohl die US-amerikanische als auch die deutsche Automobilindustrie haben sich für ein Handelsabkommen mit weniger nichttarifären Hindernissen und einer möglichst weitgehenden Beseitigung der Zölle ausgesprochen.

Wir gehen davon aus, dass sich die neue Regierung das Ziel setzt, die US-Industrie zu stärken. Zu dieser Industrie gehören auch viele Produktionsstandorte deutscher Hersteller und Zulieferer hier in den Vereinigten Staaten, mit einem hohen Exportanteil. Wir hoffen, dass der neue Präsident für dieses handelspolitische Anliegen seiner heimischen Industriebasis offen ist.

Aus US-Perspektive bringt ein transatlantisches Freihandelsabkommen TTIP Vorteile: Die bisherigen Hürden, die durch unterschiedliche Normen und Standards viel Geld kosten und mit erheblicher Bürokratie verbunden sind, könnten abgeräumt werden. Und wenn dann noch der 10-Prozent-EU-Importzoll für Pkw gestrichen wird, die aus den USA kommen, ist TTIP auf beiden Seiten des Atlantiks ein Erfolgsgarant. Wir sind gespannt, ob der neue US-Präsident diese Chance nutzen wird. Und es wäre sicher auch klug, die Zollfreiheit des Nafta-Raums nicht in Frage zu stellen.

Vereinigte Staaten sind Benziner-Markt

Mir liegt noch sehr an einem Wort zum Diesel. Bekanntlich ist der US-Markt ein „Benziner-Markt“. Der Diesel hatte hier stets seinen Platz im Segment schwerer Lkw (Heavy Duty Commerical Vehicle). Daran wird sich nichts ändern. Bei den Light Vehicles (Light Trucks und Pkw) hingegen nimmt er eine Nischenfunktion ein. Dort ging der Dieselanteil 2016 (Jan-Okt.) auf 2,5 Prozent zurück (2015: 2,9 Prozent) zurück. Im Pkw-Segment lag der Dieselanteil 2015 knapp über der 1-Prozent-Marke, in 2016 bei 0,1 Prozent.

Ganz anders hingegen in Europa, wo rund jede zweite Pkw-Neuzulassung einen Dieselantrieb aufweist.

Woher kommen diese großen Unterschiede? Eine Ursache ist in der Regulierung zu suchen. Die EU hat die weltweit schärfsten CO2-Grenzwerte, diese sind nur mit dem Diesel zu erreichen. In den USA hingegen sind die NOx-Grenzwerte sehr streng, daher bietet sich hier der Plug-in-Hybrid als Lösung an. Das heißt: Für die deutsche Automobilindustrie bleibt der Diesel weiterhin wichtig, insbesondere für den europäischen Premiummarkt.

In den USA hingegen spielt er nur eine Nebenrolle. Wir verabschieden uns nicht vom Diesel, deutsche Hersteller haben auch weiterhin Modelle mit Selbstzünder im Angebot. Aber wir bleiben realistisch: Mit großen Wachstumspotenzialen ist vorerst nicht zu rechnen. Wir bleiben auch bei unserem breiten Engagement in vielen Antriebstechnologien, vor allem bei noch effizienteren Benzinern und der Elektromobilität.

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen:

  • Wir sehen die Globalisierung als Chance und bauen unsere Produktion in den Vereinigten Staaten, in Europa und Asien aus.
  • Wir haben die US-Produktion und Beschäftigung schneller gesteigert als die Autoindustrie insgesamt.
  • Wir führen unsere Elektromobilitätsoffensive entschieden fort und verdreifachen unser Modellangebot.
  • Und wir setzen darauf, dass auch die neue US-Regierung die Vorteile transatlantischer Zusammenarbeit, internationaler Investitionen und Handel nutzen will und ausbauen wird.
Eckehart Rotter
Eckehart Rotter Leiter Abteilung Presse

Tel: +49 30 897842-120 Fax: +49 30 897842-603
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