Pressemeldungen

Mattes: Deutsche Automobilindustrie treibt Mobilität der Zukunft voran

Berlin, 05. Dezember 2018

Hohe Investitionen in Elektromobilität und Digitalisierung – CO2-Regulierung braucht Augenmaß - Höchststand bei Beschäftigung – Inlandsmarkt trotz WLTP-Umstellung stark – Deutsche Hersteller produzieren weltweit 16,5 Mio. Pkw

Statement von Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich der Jahresabschluss-Pressekonferenz am Mittwoch, 05.12.2018, 11.00 Uhr, im VDA, Berlin

Meine Damen und Herren,

Der Blick auf das Jahr 2018 zeigt deutlich: Die deutsche Automobilindustrie hat ein prall gefülltes Lastenheft. Wir gestalten einen Transformationsprozess, der das Automobil, die  Mobilität und damit auch die Branche selbst verändern wird.

Wir sind davon überzeugt, dass wir diese Aufgaben gut meistern werden. Ich bin deshalb  zuversichtlich, weil unsere Unternehmen die Elektromobilität ebenso entschlossen vorantreiben wie die Digitalisierung und das vernetzte und automatisierte Fahren.

Wir haben es weltweit mit mehreren Megatrends zu tun:

  • einer wachsenden Bevölkerung, die immer mehr in Großstädten lebt
  • einer wachsenden, kaufkräftigen Mittelschicht mit hohem Mobilitätsbedarf
  • einer Digitalisierung und Vernetzung in allen relevanten Märkten.

Diese Wachstumsdynamik muss kombiniert werden mit Umwelt- und Klimaschutz. Das heißt für die Automobilindustrie: Mehr Mobilität mit weniger Emissionen, mehr Wachstum mit weniger Ressourcenverbrauch – eine echte Herausforderung!

Als innovativste Automobilindustrie mit den weltweit höchsten Forschungsinvestitionen stehen wir auf der Pole-Position. Wir sind gerüstet für die Mobilität der Zukunft. Um in diesem Langstreckenrennen erfolgreich zu sein, müssen auch die politischen Leitplanken passend gesetzt sein.

CO2-Regulierung und Elektromobilität

Damit komme ich zum CO2-Thema. Bereits das CO2-Ziel der EU für 2020/2021 ist sehr ambitioniert – und weltweit das anspruchsvollste, verglichen mit China, Japan oder den USA. Europa diskutiert jetzt die CO2-Ziele für Pkw bis 2030. Wir sind davon überzeugt: 35 oder gar 40 Prozent sind unrealistisch hoch. Da wird der Bogen überspannt.

Der Kommissionsvorschlag (minus 30 Prozent) ist  nur zu schaffen, wenn der Anteil der Elektro-Neuzulassungen rapide steigt – in ganz Europa. Noch kritischer sehen wir die Vorschläge des Europa-Parlaments zur CO2-Reduktion bei schweren Nutzfahrzeugen (minus 35 Prozent bis 2030, minus 20 Prozent bis 2025). Diese Zielgrößen sind technologisch und wirtschaftlich in der vorgegebenen Zeit nicht umsetzbar. Wegen der unverhältnismäßig hohen Strafandrohung von 5.000  Euro für jedes überschrittene Gramm können diese Vorgaben für einzelne Nutzfahrzeughersteller sogar zur Existenzbedrohung werden.

Wie sehr  der Markt für E-Fahrzeuge Fahrt aufnimmt, hängt von vielen Faktoren ab: Batteriekosten, Ladeinfrastruktur, Kraftstoffpreise, öffentliche Beschaffung.

Die deutsche Automobilindustrie geht massiv in Vorleistung: 

  • Sie verdreifacht in den kommenden drei Jahren ihr Angebot an E-Modellen auf 100.
  • Sie investiert bis dahin 40 Mrd. Euro in alternative Antriebe.
  • Sie ist Spitzenreiter bei alternativen Antriebspatenten: Weltweit kommt jedes dritte Patent im Bereich Elektromobilität und Hybridantrieb aus Deutschland.

Wir haben bei der Elektromobilität eine starke Marktposition: In der EU beträgt unser Marktanteil bei Elektro-Pkw-Neuzulassungen 50 Prozent, in Deutschland sind es 66 Prozent.

Rahmenbedingungen - Ladeinfrastruktur

Innovative Produkte allein genügen nicht, auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Die Halbierung der Bemessungsgrundlage bei der Besteuerung von Elektro-Firmenwagen (befristet vom 01.01.2019 bis 31.12.2021) wird ein wirksamer Hebel sein, um den Markthochlauf zu beschleunigen. Zudem sollte der Umweltbonus über Juni 2019 hinaus verlängert werden, die Fördergelder sind noch nicht ausgeschöpft. Vor allem muss die Ladeinfrastruktur stärker ausgebaut werden. Derzeit hat Deutschland 13.500 öffentlich zugängliche Ladepunkte, 900 davon sind Schnellladepunkte. Zum Vergleich: In Oslo teilen sich 450 Einwohner eine Ladestation, in Berlin sind es zehn Mal so viele (4.500). In vielen anderen EU-Ländern ist die Ladeinfrastruktur noch weniger ausgeprägt. Der größte Teil der Ladevorgänge findet im privaten Bereich statt. Damit elektrisches Laden selbstverständlich wird, müssen auch das Bauordnungs-, Miet- und Eigentumsrecht angepasst werden.

Wir treiben den Hochlauf der Elektromobilität voran. Aber wir dürfen die Debatte nicht auf ein Entweder-oder verkürzen. Der Verbrennungsmotor wird noch lange gebraucht. Auch die Option von klimaneutralen Kraftstoffen (E-Fuels) sollten wir nutzen, sie wirken auf den gesamten Fahrzeugbestand. Denn die individuelle Mobilität nimmt weiter zu. Eine aktuelle DLR-Studie kommt zum Ergebnis: Im Jahr 2040 werden Pkw in Deutschland nicht weniger Kilometer zurücklegen, sondern mit 700 Milliarden Kilometern 11 Prozent mehr als im Jahr 2010. Im Bestand werden zwar noch etliche Autos einen Verbrennungsmotor – meist als Hybrid oder Plug-in-Hybrid – haben, allerdings wird bei den Neuzulassungen der rein-batterieelektrische Antrieb immer dominierender.

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, vernetztes und automatisiertes sowie autonomes Fahren

Wir sind davon überzeugt: Die Zukunft des Autos ist vor allem elektrisch – und sie ist digital.  Wie wichtig dabei Künstliche Intelligenz (KI) ist, hat soeben der Digital-Gipfel gezeigt. KI spielt eine entscheidende Rolle auf dem Weg zum automatisierten und fahrerlosen Fahren. Und sie bietet für die Automobilindustrie in den Produkten sowie in der Produktions- und Wertschöpfungskette enorme Potenziale. Die großen Fortschritte bei Digitalisierung, vernetztem und automatisierten Fahren sowie dem autonomen Fahren werden wir  auch auf der IAA 2019 in Frankfurt erleben. Wir freuen uns auf viele neue Formate und Player, auch von Startups und Tech-Unternehmen. Die IAA transformiert sich ebenso wie die gesamte Branche.

Die weltweiten Patentanmeldungen zum vernetzten und automatisierten Fahren zeigen: Die deutschen Hersteller und Zulieferer sind dabei sehr erfolgreich, über die Hälfte der Patente kommt von ihnen. International ist das Platz 1.

Digitalisierung heißt auch: Hersteller und Zulieferer werden zu Dienstleistern, entwickeln neue Mobilitätslösungen: Carsharing, Ride-Pooling, E-Scooter-Sharing, Mobilitätsplattformen und Mobilitäts-Apps sind hierfür Beispiele – und nur der Anfang. Wir treiben das vernetzte und automatisierte Fahren voran. Dazu brauchen wir eine leistungsfähige digitale Infrastruktur – also flächendeckendes 4G und 5G entlang der Landes- und Bundesstraßen, der Autobahnen sowie in Industrieregionen.

Saubere Luft in Städten und individuelle Mobilität

Deutsche Hersteller haben kürzlich zusätzliche Maßnahmen für saubere Luft zugesagt. Sie sehen Hardwarenachrüstungen zwar nach wie vor kritisch, aber sind dennoch bereit, sich finanziell zu beteiligen. Wir sind allerdings davon überzeugt, dass eine rasche Bestandserneuerung das bei weitem effektivste Mittel ist, um die Luft in den betroffenen Städten noch sauberer zu machen.

Mit modernsten Diesel-Pkw wird die Stickoxidfrage beantwortet. Sie haben auch auf der Straße sehr geringe NO2-Emissionen.  Die Euro 6d-temp-Norm gilt erst ab September 2019 für alle Pkw-Neuzulassungen. Aber schon heute gibt es über 1.200 Modelle (Benziner und Diesel) auf dem Markt, davon kommen über 700 von deutschen Konzernmarken. Derzeit sind bereits gut zwei Drittel aller Pkw-Neuzulassungen Euro-6d-temp-Fahrzeuge. Die Marktdurchdringung mit neuesten, sauberen Pkw kommt also zügig voran. Wir sind auf der Zielgeraden bei der Lösung des Problems.

Die deutsche Automobilindustrie ist ein verantwortungsvoller und starker Arbeitgeber. Hersteller und Zulieferer leisten einen maßgeblichen Beitrag zu Wohlstand und sozialer Sicherheit in diesem Land. Wir wissen, dass die Automobilindustrie Glaubwürdigkeit zurückgewinnen muss. Wir wollen weiter dazu beitragen, neues Vertrauen aufzubauen. Das geht nicht von heute auf morgen, wird aber mit langem Atem gelingen, mit nachhaltig umweltfreundlichen Produkten und neuen Mobilitätsdienstleistungen sowie der Bewältigung des enormen Transformationsprozesses. Dafür investieren wir zweistellige Milliardenbeträge in Forschung und Entwicklung – auch für „Made in Germany“. Aber die Zukunftsgestaltung Hunderttausender Arbeitsplätze in Deutschland und die Sicherung deutscher Standortkapazitäten kann nur gemeinsam mit Politik und Gewerkschaften gelingen.

Industriepolitik – für freien und fairen Handel

Das sollten wir schon deswegen, weil uns die Welt mit unseren Problemen nicht allein lässt. Auswirkungen des Brexit sind schon jetzt spürbar. Im bisherigen Jahresverlauf ging unser Pkw-Export nach Großbritannien um 14 Prozent zurück.  Jedem muss heute klar sein: Vom Brexit profitiert keiner, er trifft die automobilen Lieferketten unmittelbar. Alles muss versucht werden, um einen „Hard Brexit“ zu vermeiden. Nach dem positiven Ausgang des EU-Gipfels liegt die Entscheidung jetzt beim britischen Unterhaus. Wir hoffen, dass dabei die Vernunft siegt.

Ähnliches gilt für die Handelsbeziehungen mit den USA. Die EU und die USA stehen zusammen für 50 Prozent des Welthandels. Ein WTO-konformes transatlantisches Abkommen zu Industriegütern, das Automobile einschließen sollte, unterstützen wir. Zollabbau und möglichst breite Verständigung im regulatorischen Bereich sind der richtige Weg. Davon profitieren beide Seiten.

Zum G20-Gipfel:  Die Signale aus Buenos Aires sind ein ermutigendes Zeichen, dass im Handelskrieg zwischen den USA und China eine Lösung gefunden werden kann. Wenn China seine Importzölle senkt, hat das auch positive Auswirkungen für unsere Unternehmen. Die deutschen Automobilhersteller haben 2017 aus ihrer US-Fertigung 150.000 Light Vehicles nach China exportiert: Jedes fünfte Auto, das wir in den USA fertigen, geht nach China.

Damit komme ich zum Markt.

Pkw-Weltmarkt – USA, China, Europa

Der Pkw-Weltmarkt spürt den Gegenwind, der durch den Handelskonflikt zwischen den USA und China ausgelöst wurde. So ist der Export deutscher Pkw-Hersteller aus den USA nach China in den ersten zehn Monaten um  ein Drittel  zurückgegangen. Der chinesische Pkw-Markt ist seit Monaten rückläufig. Wir gehen davon aus, dass der Pkw-Weltmarkt im Gesamtjahr 2018 etwa 85 Mio. Fahrzeuge umfassen wird. Das entspricht Vorjahrsniveau. 2019 erwarten wir ein leichtes Plus auf 85,9 Mio. Neuwagen (+1 Prozent).

Wie sieht es 2018 in den großen Märkten aus? Für Europa erwarten wir ein kleines Plus (+1 Prozent) auf 15,8 Mio. Pkw. Hier bremst vor allem Großbritannien. Frankreich und Spanien hingegen wachsen, Italien wird etwas schwächer. Für 2019 erwarten wir, dass Europa sein sehr hohes Absatzniveau halten wird (15,8 Mio.). Der US-Markt bleibt auch 2018 auf hohem Niveau (17,2 Mio. Light Vehicles). Wir erwarten ein ähnlich hohes Volumen für 2019.

China legt aktuell eine Wachstumspause ein. Für das Gesamtjahr 2018 erwarten wir einen leichten Rückgang von 1 Prozent auf 23,9 Mio. Pkw. Ein Zeichen der Stärke ist, dass die deutschen Hersteller, vor allem die Premiummarken, in China ihren Marktanteil gegen den Trend steigern konnten - auf 22 Prozent. 2019 bleibt der chinesische Markt  volatil.  Wir gehen von einem leichten Wachstum auf 24,4 Mio. Einheiten aus (+2 Prozent). Die deutschen Konzernmarken haben weltweit einen Marktanteil von knapp einem Fünftel, auf dem Welt-Premiummarkt umfasst ihr Marktanteil sogar über 70 Prozent.

Deutscher Pkw-Markt

Der Pkw-Inlandsmarkt wird 2018 rund 3,4 Mio. Neuzulassungen umfassen (-1 Prozent). Das ist angesichts der Verwerfungen, die die WLTP-Umstellung mit sich bringt, ein außerordentlich gutes Ergebnis. Und es ist umso bemerkenswerter, als 2017 das bislang höchste Neuzulassungsniveau in diesem Jahrzehnt brachte. 2019 dürfte ein ähnlich starkes Jahr werden und über dem Mittel der letzten fünf Jahre liegen. Wir erwarten ein Volumen von knapp 3,4 Mio.  Neuzulassungen (-1 Prozent).

Pkw-Produktion und Export

Die Pkw-Inlandsproduktion wird 2018 gut 5,1 Mio. Einheiten umfassen. Das ist ein Rückgang um 9 Prozent, ausgelöst vor allem durch die WLTP-bedingte vorübergehende Delle. Dieser Effekt ist auf wenige Monate beschränkt. Für 2019 sind wir zuversichtlich, dass die Inlandsfertigung wieder gesteigert werden kann, um 2 Prozent auf gut 5,2 Mio. Einheiten. Die Pkw-Auslandsproduktion hingegen wächst sowohl in diesem wie im kommenden Jahr. Für 2018 rechnen wir mit einem Volumen von rund 11,4 Mio. Einheiten, das ist ein Plus von 5 Prozent. 2019 dürften es 11,7 Mio. sein (+3 Prozent).

Insgesamt bleibt damit die Pkw-Weltproduktion der deutschen Konzernmarken 2018 mit 16,5 Mio.  Neuwagen stabil.  Jedoch hängt viel davon ab, wie sich die internationale Handelspolitik  weiterentwickelt. Wenn es gut läuft, könnten wir 2019 erstmals die 17-Millionen-Marke erreichen.

Der Pkw-Export wird 2018 mit 4 Mio. Einheiten um 8 Prozent unter Vorjahreswert sein. Für 2019 rechnen wir mit einem leichten Plus (+2 Prozent) auf 4,1 Mio. exportierter Pkw.

Beschäftigung:

Im Inland ist die Zahl der Beschäftigten bis September um zwei Prozent auf 833.700 Mitarbeiter gestiegen. Das sind 15.600 Mitarbeiter mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres – und das ist das höchste Beschäftigungsniveau seit der Wiedervereinigung.  Einschließlich des Kfz-Gewerbes (Handel und Werkstätten) beläuft sich die Belegschaft der Automobilbranche in Deutschland sogar auf 1,28 Mio. Beschäftigte. Dabei sind die vielen vor- und nachgelagerten Bereiche wie z. B. Gießereien, Tankstellen, Taxigewerbe, Speditionen etc. noch nicht mitgerechnet. Für 2019 erwarten wir ein ähnlich hohes Beschäftigungsniveau wie 2018.

Zusammenfassung

Wir sehen den Transformationsprozess, der die gesamte Automobilindustrie fordert, vor allem als  Chance - für Unternehmen und Bürger: „Zero Emission“ und „Vision Zero“ sind Ziele, die aller Anstrengungen wert sind. Allerdings müssen die hierfür erforderlichen politischen Maßnahmen stets einen technisch-wirtschaftlichen „Check“ durchlaufen, sonst werden aus Chancen Risiken.

Bemerkenswert am Autojahr 2018 ist, dass unsere Unternehmen die Beschäftigung weiter gesteigert haben, auf Rekordniveau. Angesichts des schwierigen Umfeldes  sollten Politik und Industrie gemeinsam daran arbeiten, die Rahmenbedingungen am Industrie- und Investitionsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken.

Die Entwicklung des deutschen Pkw-Marktes 2018 ist erfreulich. Er hat sich allen Widrigkeiten zum Trotz als sehr robust erwiesen. Der Blick auf die internationalen Märkte zeigt jedoch kein wolkenfreies Bild.

Wir haben es aller Voraussicht nach auch 2019 mit einem Jahr des Übergangs zu tun.

Mittel- und langfristig jedoch stehen die Zeichen weiter auf Wachstum. Das stimmt uns ebenso zuversichtlich wie die Tatsache, dass die deutsche Automobilindustrie in nächster Zeit viele Modelle auf den Markt bringen wird, die neue Maßstäbe bei Emission, Reichweite, Verbrauch und Vernetzung setzen werden.

Eckehart Rotter
Eckehart Rotter Leiter Abteilung Presse

Tel: +49 30 897842-120 Fax: +49 30 897842-603
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