Pressemeldungen

Lindemann: Russland bleibt Wachstumsmarkt für Nutzfahrzeuge

Berlin, 10. September 2013

Statement von VDA-Geschäftsführer Dr. Kay Lindemann

Bei der Pressekonferenz des Deutschen Gemeinschaftsstandes auf der Nutzfahrzeugmesse Comtrans in Moskau sagte Dr. Kay Lindemann, Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie (VDA): 

Russland gewinnt für die deutsche Nutzfahrzeugindustrie weiter an Bedeutung. Das wird hier auf der Comtrans in Moskau besonders deutlich. Nach der weltweiten Leitmesse, der IAA Nutzfahrzeuge, die 2014 in Hannover stattfindet, ist die Comtrans in diesem Jahr die wichtigste Nutzfahrzeugmesse in Europa. Sie ist damit ein internationaler Branchentreffpunkt.

Die deutsche Nutzfahrzeugindustrie setzt auch für den russischen Markt auf ihre Zwei-Säulen-Strategie – der Export aus deutschen Werken nach Russland wird zunehmend ergänzt durch den Auf- und Ausbau der Produktion im Land selbst. Eine aktuelle Befragung unter deutschen Nutzfahrzeugherstellern und Nutzfahrzeugzulieferern hat ergeben, dass drei Viertel der Unternehmen mittelfristig eigene Standorte in Russland planen. Derzeit hat gut ein Viertel der Unternehmen hier einen Standort.

Der Export von Nutzfahrzeugen nach Russland zeigt im laufenden Jahr ein differenziertes Bild. Die deutschen Hersteller haben im ersten Halbjahr rund 5.900 leichte Nutzfahrzeuge nach Russland ausgeführt. Das entspricht einer Steigerung um 77 Prozent. Unsere Ausfuhren von schweren Nutzfahrzeugen sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres allerdings zurückgegangen. Der Exportwert sank um über ein Drittel. Die Hersteller spüren die veränderten Rahmenbedingungen in Russland, insbesondere auch die neue Verwertungsabgabe. Demgegenüber verzeichnet der russische Nutzfahrzeugmarkt insgesamt in diesem Jahr moderate Zuwächse.

Wir setzen deswegen darauf, dass Russland den Weg der Marktöffnung weitergeht, den es mit dem WTO-Beitritt eingeschlagen hat. Wir sind zuversichtlich, dass Russland sich die Regeln des internationalen Handels weiter zu eigen macht und die Chancen einer offenen und dynamischen Industrie- und Handelspolitik nutzt.

Deutsche Aussteller und deutscher Gemeinschaftsstand

Auf der zwölften Comtrans zeigen die deutschen Hersteller und Zulieferer zahlreiche Innovationen „Made in Germany“. Rund 40 deutsche Nutzfahrzeughersteller, Trailer- und Aufbautenunternehmen sowie Zulieferer sind auf der Messe vertreten. Der Gemeinschaftsstand der deutschen Wirtschaft, der auch in diesem Jahr mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums in Zusammenarbeit mit dem AUMA (Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft) von der IMAG (Internationaler Messe- und Ausstellungsdienst GmbH) organisiert wird, ist erneut größer geworden. 14, vor allem mittelständische Unternehmen aus Deutschland sind mit ihren innovativen Produkten rund um das Nutzfahrzeug auf dem über 600 Quadratmeter großen deutschen Stand vertreten. Von Fahrzeug- und Aufbauherstellern bis Komponenten- und Systemlieferanten ist die gesamte Produktpalette präsent. Darüber hinaus sind viele weitere deutsche Unternehmen mit eigenen Ständen auf der Messe. Das unterstreicht die hohe Bedeutung, die der russische Markt für unsere Unternehmen hat.

Russland bleibt Wachstumsmarkt

Russland bleibt langfristig Wachstumsmarkt, trotz der etwas moderateren Entwicklung im laufenden Jahr. Nach einem Zuwachs von 3,4 Prozent im Jahr 2012, wird das russische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr aller Voraussicht nach noch 1,8 Prozent zulegen. Für 2014 liegt der Ausblick derzeit bei rund 3 Prozent. Auch Deutschland und die deutsche Industrie tragen zu dieser wirtschaftlichen Entwicklung Russlands mit erheblichen Direktinvestitionen bei. Allein die deutsche Automobilindustrie hat zuletzt über 2,2 Milliarden Euro in Russland investiert (Stand 2011).

Russischer Nutzfahrzeugmarkt wächst auch 2013 stabil

Russland ist mit großem Abstand der wichtigste Nutzfahrzeugmarkt in Osteuropa. Der russische Nutzfahrzeugmarkt verzeichnet 2013 moderate Zuwächse. Bei den mittelschweren und schweren Nutzfahrzeugen über 6 Tonnen erwarten wir im laufenden Jahr ein Plus von 1 Prozent auf insgesamt 148.000 Einheiten. Der Gesamtmarkt über alle Gewichtsklassen wächst nach unserer Erwartung dieses Jahr um 2 Prozent auf 264.000 Einheiten. Wir sehen auch weiter gute Perspektiven: So regen Investitionen in die Transportinfrastruktur die Nachfrage nach Nutzfahrzeugen an. Auch das hohe Durchschnittsalter der Flotten führt zu einem steigenden Ersatzbedarf.

Marktanteil der deutschen Hersteller im Segment über 15 Tonnen verdoppelt

Die deutschen Hersteller haben ihre Präsenz in Russland in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut. Wir haben unseren Marktanteil seit 2007 verdoppelt: Jeder achte Lkw im Schwerlast-Segment über 15 Tonnen trägt heute ein deutsches Markenzeichen. Das ist umso beeindruckender, weil Russland traditionell ein Markt mit starken eigenen Marken ist. Der Marktanteil der deutschen Hersteller lag 2012 damit bei 12,6 Prozent – bei einem gesamten Volumen dieses Segments von 112.000 Fahrzeugen. 2007 lag der Anteil noch unter 6 Prozent. Dabei sind Marktanteile von russischen Herstellern, an denen deutsche Nutzfahrzeugkonzerne beteiligt sind, nicht einbezogen. Es ist uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir uns von diesen Partnerschaften für die Zukunft viel versprechen.

Wir verzeichnen in Russland ein wachsendes Interesse an deutscher Technologie. In Russland herrschen besondere klimatische Verhältnisse und besondere Bedingungen. Die deutschen Hersteller sind bei Qualität, Langlebigkeit und eben auch Effizienz führend. Wir sind stolz darauf, dass die anspruchsvollen russischen Transporteure zunehmend auf deutsche Produkte setzen.

Exportwert deutscher Zulieferer erreicht neues Höchstniveau

Bemerkenswert ist, dass auch die deutschen Zulieferer großen Anteil an der positiven Entwicklung haben. Im Jahr 2012 hat der Exportwert von Teilen und Zubehör weiter zugelegt, um 16 Prozent auf 2,7 Mrd. Euro. Bereits in den beiden vergangenen Jahren haben die deutschen Zulieferer ihren Exportwert nach Russland eindrucksvoll um rund 40 Prozent (2011) bzw. 70 Prozent (2010) gesteigert. Im ersten Halbjahr 2013 haben die Zulieferer ihren Export nach Russland um 5 Prozent gesteigert. Sie haben damit einen Anteil am gesamten Exportwert unserer Branche nach Russland von einem knappen Drittel.

Keine Einbahnstraße: Importe aus Russland steigen schnell

Russland gewinnt seinerseits als Exporteur zunehmend an Bedeutung. So stieg der Wert von Kraftwagen sowie Teilen und Zubehör, die in Russland produziert und nach Deutschland exportiert werden, 2012 auf über 51 Millionen Euro. Das entspricht einer Verfünffachung gegenüber dem Jahr 2000. Allein im vergangenen Jahr war ein Plus von 22 Prozent zu verzeichnen, naturgemäß von einem noch recht niedrigen Niveau aus. So unterschiedlich die Ausgangspositionen auch sein mögen, der automobile Handel zwischen Deutschland und Russland ist keine Einbahnstraße. Vielmehr profitieren beide Seiten von der Öffnung der Märkte. 

WTO-Beitritt: Integration Russlands in die Weltwirtschaft vorantreiben

Vor gut einem Jahr hat Russland auf diesem Weg eine wichtige wirtschaftspolitische Weichenstellung vorgenommen: Das Land wurde Vollmitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Damit wurde ein deutliches Signal für eine dauerhafte Integration Russlands in die Weltwirtschaft gesetzt. Die europäische Automobilindustrie setzt darauf, dass Russland sich die Regeln des internationalen Handels noch stärker zu eigen macht und seine Industrie- und Handelspolitik danach ausrichtet.

Ein wesentlicher Aspekt der WTO-Mitgliedschaft ist die Gleichbehandlung heimischer und ausländischer Unternehmen. Derzeit besteht aber in der kurz nach dem WTO-Beitritt eingeführten Verwertungsgebühr für Fahrzeuge eine Ungleichbehandlung zulasten der Importeure. Wir erwarten an dieser Stelle eine Korrektur. Russland sollte die Verwertung von Fahrzeugen als Chance nutzen und ein marktorientiertes Verwertungssystem aufbauen. Eine Verwertungsgarantie durch Hersteller und Importeure hat sich auch in der EU bewährt. Die Hersteller würden dann Altfahrzeuge am Ende des Lebenszyklus kostenfrei zurücknehmen und eine umweltgerechte Verwertung garantieren. Eine staatlich erhobene Verwertungsgebühr auf Neufahrzeuge wäre damit überflüssig. Mindestens sollte eine Wahlmöglichkeit zwischen einer angemessen niedrigen Gebühr und einer Verwertungsgarantie ermöglicht werden. Das wäre ein positives Signal, das Russland an seine Partner aussenden würde. Im Aufbau eines marktwirtschaftlichen Recycling-Systems bestehen im Übrigen auch für mittelständische russische Unternehmen erhebliche Geschäftspotenziale.

Neue Bestimmungen zur Zollabfertigung (TIR)

Mit Sorge beobachten wir die jüngsten Entwicklungen um TIR-Transporte von und nach Russland. Pläne des russischen Föderalen Zoll-Service (FCS), nach denen TIR-Transporte auf dem russischen Territorium künftig nur mit zusätzlichen nationalen Sicherheiten erfolgen sollen, könnten erhebliche Verwerfungen im internationalen Handel mit Russland nach sich ziehen. Unsere Unternehmen – die in ihren Werken in Russland produzieren, aber auch jene, die ausschließlich Handelsbeziehungen unterhalten – wären von einer solchen Änderung erheblich betroffen. Längere Transitzeiten, Einschränkungen der Versorgungssicherheit, Liefertreue und Planbarkeit und nicht zuletzt Kostensteigerungen wären zu befürchten.

Das TIR Carnet hat sich über viele Jahre auch in Russland als äußerst erfolgreiches und effizientes Zollverfahren etabliert. Es stellt eine wichtige Grundlage für den reibungslosen Warenaustausch mit und durch die Russische Föderation dar. Mehr als 1,5 Millionen TIR-Transporte werden so jährlich in Russland abgewickelt. Deshalb begrüßen wir die vorläufige Verschiebung der FCS-Pläne – zunächst bis zum 14. September – und setzen darauf, dass schnellstmöglich eine Lösung vereinbart werden kann, die im Einklang mit dem TIR-Abkommen steht.

Anti-Dumping-Zölle für leichte Nutzfahrzeuge

Seit dem 15. Juni 2013 werden Importe von leichten Nutzfahrzeugen mit Dieselantrieb und einem Gesamtgewicht zwischen 2,8 und 3,5 Tonnen aus Deutschland in die Eurasische Zollunion (Russland, Weißrussland und Kasachstan) mit einem zusätzlichen Zollsatz von bis zu 29,6 Prozent belegt. Aus Sicht der deutschen Automobilindustrie liegen die Voraussetzungen für einen Dumpingzoll nicht vor.

Russland gehörte 2012 zu den zehn wichtigsten Exportländern für leichte Nutzfahrzeuge aus deutschen Werken. Die Zollabgabe dürfte sich natürlich negativ auf die Entwicklung deutscher Exporte von leichten Nutzfahrzeugen im weiteren Jahresverlauf auswirken.

Eine baldige Rücknahme der Maßnahme ist wichtig, damit sich der Handel weiter fair entwickeln kann. Freier und verlässlicher Handel kommt letztlich beiden Produktionsstandorten zugute, Deutschland wie Russland.

VDA QMC in Moskau trainiert russische Mitarbeiter aus über 70 Unternehmen

Der VDA unterstreicht sein nachdringliches Interesse am russischen Markt mit umfangreichen Aktivitäten vor Ort. So trägt das VDA Qualitäts-Management Center entscheidend zur Verbesserung der Produkt- und Prozessqualität der russischen Zulieferindustrie bei. Der VDA hat bereits vor vier Jahren in Moskau ein Büro seines Qualitäts-Management-Centers (VDA QMC) gegründet. Es begann Anfang 2009 mit der Arbeit. Um russischen Anforderungen zu entsprechen, erhöhen die deutschen Hersteller und Zulieferer ihren Anteil inländischer Lieferanten. Dabei ist es eine wesentliche Herausforderung, dass diese Lieferanten den weltweit hohen Qualitätsansprüchen der deutschen Hersteller und Zulieferer genügen können. Um die Unternehmen dazu in die Lage zu versetzen, werden im VDA QMC Moskau Mitarbeiter entsprechend bewährter Qualitätsstandards und Richtlinien geschult. Unser Motto dabei lautet: „Premiumqualität nicht nur im Premiumsegment“. 2013 wird das VDA QMC Russland ca. 900 Teilnehmer von russisch-sprachigen Qualitätsmanagementexperten trainieren. Zu den Inhalten gehören Qualitätsmanagementsysteme, Qualitätsmanagementmethoden sowie das Wissen um praktische Qualitätssicherungswerkzeuge. Zu dem VDA QMC-Kunden zählen mehr als 70 Unternehmen, darunter sind deutsche Firmen aber auch viele russische Zulieferer und Hersteller.

 

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