Pressemeldungen

Wissmann: Erholung Westeuropas gibt Autoindustrie Rückenwind

Genf/Berlin, 03. März 2014

Genfer Salon: Deutsche Hersteller starten mit zahlreichen Premieren in den Autofrühling


Statement von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich der VDA-Pressekonferenz am Montag, 3. März 2014, in Genf, 17.00 Uhr

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie sehr herzlich hier auf der VDA-Pressekonferenz zum Auftakt des Genfer Autosalons. In diesem Jahr kommen wir mit besonderer Zuversicht an den Lac Léman. Wir sind davon überzeugt, dass der „Autofrühling“, der ja traditionell mit dem Genfer Salon beginnt, wesentlich kraftvoller und lebhafter wird als vor einem Jahr. Die Perspektiven haben sich deutlich aufgehellt.

Der westeuropäische Pkw-Markt fasst – nach einer langen Durststrecke – wieder Tritt. Im Januar legte der Pkw-Neuwagenabsatz in Westeuropa um knapp 5 Prozent auf gut 897.100 Einheiten zu. Das ist der fünfte Monate in Folge mit einem Pluszeichen.

Zwei Punkte will ich dabei besonders hervorheben. Alle Top-5-Märkte sind im „Wachstumsmodus“: Deutschland erreichte ein Plus von gut 7 Prozent, Großbritannien und Spanien legten um jeweils rund 8 Prozent zu. Frankreich weist einen Zuwachs von knapp 1 Prozent auf, in Italien sind es gut 3 Prozent. Erfreulich ist, dass auch die bisherigen „Krisenstaaten“ offenbar ihre Talfahrt beenden: Neben Frankreich, Spanien und Italien sind es vor allem Portugal (+32 Prozent), Griechenland (+15 Prozent) und Irland (+33 Prozent), die im Januar zweistellige Wachstumsraten aufwiesen.

Für Deutschland können wir heute die aktuellsten Zahlen vorlegen:

Im Februar erhöhten sich die Pkw-Neuzulassungen um 4 Prozent auf 209.400 Einheiten, in den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres ist ein Plus von 6 Prozent auf 415.400 Neuwagen zu verzeichnen. Der Inlandsauftragseingang stieg im Februar um 13 Prozent, die Auslandsorder erhöhten sich um 8 Prozent. Der Export legte im Februar um 7 Prozent auf 379.800 Einheiten zu, in den ersten beiden Monaten beträgt das Plus 9 Prozent auf 723.200 Einheiten. Die Neuwagenproduktion im Inland stieg im Februar um 7 Prozent auf 493.200 Einheiten, bis Februar liefen insgesamt 935.600 Neuwagen vom Band (+9 Prozent).

Diese gute Auslastung der Produktion führt dazu, dass die Zahl der Mitarbeiter in den Stammbelegschaften im Inland (Stand: Dezember 2013) mit rund 761.300 Beschäftigten um knapp 16.000 Mitarbeiter höher liegt als im Vorjahresmonat. Vergleichen wir den heutigen Beschäftigungsstand mit dem vom Dezember 2010 (704.500 Mitarbeiter), können wir feststellen, dass die deutsche Automobilindustrie ihre Stammbelegschaften am Standort Deutschland innerhalb von nur drei Jahren um rund 57.000 Beschäftigte oder 8 Prozent verstärkt hat. Die deutsche Automobilindustrie ist damit auch Wachstums- und Beschäftigungsmotor.

Auch die aktuelle Entwicklung des ifo-Geschäftsklima-Index gibt Anlass zur Zuversicht. Das Geschäftsklima der deutschen Pkw-Hersteller hat sich im Februar weiter verbessert (+3,9 Punkte) und liegt nun so hoch wie seit Oktober 2011 nicht mehr. Das Geschäftsklima in der gesamten Automobilindustrie (Pkw, Nutzfahrzeuge, Zulieferer sowie Anhänger und Aufbauten) festigte im Februar seine Position im Boom-Quadranten, obwohl es in einzelnen Teilbereichen Rückgänge gab. Das Geschäftsklima in unserer Branche übertrifft damit weiterhin die Stimmung im gesamten Verarbeitenden Gewerbe.

Natürlich hängt viel von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ab. Laut Jahreswirtschaftsbericht wird das BIP in Deutschland 2014 um 1,8 Prozent zulegen, die Konsumnachfrage steigt nahezu gleich stark mit etwa 1,4 Prozent. Eine entscheidende Voraussetzung für eine nachhaltige Belebung des Inlandsmarktes ist, dass Verbraucher und Beitragszahler jetzt nicht zusätzlich neue Belastungen durch den Staat erfahren.

Trotz dieser erfreulichen Zahlen – bei den internationalen Märkten reden wir vom ersten Monat des Jahres, beim Inland von den ersten beiden Monaten. Es wäre daher verkehrt, die aktuelle Entwicklung einfach auf das Gesamtjahr hochzurechnen. Wir sind weit davon entfernt, in Jubelstürme auszubrechen. Doch der westeuropäische Pkw-Markt zeigt wieder in die richtige Richtung – nach oben. Wir erwarten für Westeuropa im Gesamtjahr 2014 ein Plus von 2 Prozent auf 11,7 Mio. Pkw. Wohlgemerkt, das ist eine erste Erholung, wir sprechen noch nicht von einem „starken Wachstum“.

Was heißt das für die deutsche Automobilindustrie? Die deutsche Automobilindustrie hat in Westeuropa einen Marktanteil von gut 50 Prozent. Bereits die letzten Monate haben gezeigt: Wenn die Automobilnachfrage in Europa wieder zulegt, profitieren davon vor allem die deutschen Konzernmarken.

Das wirkt sich auch positiv auf unsere Inlandsfertigung aus: Wir rechnen 2014 mit einem Zuwachs der Pkw-Inlandsproduktion von 2 Prozent auf 5,55 Mio. Einheiten. Die Pkw-Exporte werden 2014 voraussichtlich ebenfalls um 2 Prozent auf 4,28 Mio. Fahrzeuge zulegen. Gut drei Viertel aller Autos, die in Deutschland produziert werden, gehen damit in den Export.

Ein „Selbstläufer“ ist das jedoch keineswegs. Die Bedingung für eine Erholung in Europa ist die Stabilisierung der Gesamtwirtschaft. Erste Anzeichen dafür gibt es. Aller Voraussicht nach werden die Volkswirtschaften in der Eurozone im laufenden Jahr wieder zulegen. Die Prognosen gehen von einem BIP-Wachstum 2014 von plus 1 Prozent aus. Wir wissen aus Erfahrung: Wenn die Beschäftigung steigt und die Konsumenten zunehmend Vertrauen fassen, steigt auch die Bereitschaft zum Neuwagenkauf. Wir können also feststellen: Auf dem Genfer Salon sorgt die anziehende Konjunktur für Rückenwind.

Hinzu kommt, dass gerade die deutschen Hersteller mit zahlreichen Premieren aufwarten, die insbesondere die sportlich-elegante Note betonen. Als Beispiele nenne ich das Audi TT Coupé, das BMW 4er Gran Coupé, das Mercedes S-Klasse Coupé oder den neuen Porsche Macan.

Auch im Volumensegment gibt es spannende Neuheiten, so unter anderem den neuen Ford Focus, den Opel ADAM ROCKS sowie von Volkswagen den Cross Polo und den Polo Blue Motion. BMW geht mit dem 2er Active Tourer (3-Zylindermotor, Frontantrieb) jetzt auch in den Van-Bereich. Wir sind davon überzeugt, dass die neuen Modelle, welche die deutschen Hersteller hier in Genf vorstellen, erneut unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit unterstreichen – bei Premium, bei Volumen-Fahrzeugen und auch bei alternativen Antrieben.

Natürlich werden auch Elektro- und Plug-in-Hybridantriebe zu sehen sein, das Angebot steigt kräftig. Beispiele sind der Audi A3 Sportback e-tron (Plug-in-Hybrid) und A3 Sportback g-tron (Gasantrieb), der BMW i3 und i8, der Ford Focus Electric und der Ford C-MAX Energi, die Mercedes-Benz B-Klasse Electric Drive, der S 300 BlueTEC HYBRID, der S 500 Plug in Hybrid von Mercedes sowie das smart electric drive coupé. Opel ist mit dem Ampera vertreten. Porsche zeigt den 918 Spyder und den Panamera S E-Hybrid (Plug-in-Hybrid), Volkswagen bringt – neben dem e-up! und dem e-Golf – den Golf GTE, der als Plug-in-Hybrid einen Normverbrauch von 1,5 Liter auf 100 Kilometer aufweist.

Allein die deutschen Hersteller bringen bis Ende des Jahres 16 Serienmodelle mit Elektroantrieb auf die Straße. Natürlich ist der Markt für Elektrofahrzeuge – wenn man die Stückzahlen betrachtet – noch klein, allerdings wächst er kräftig. 2013 wurden in Deutschland knapp 6.100 reine Batteriefahrzeuge neu zugelassen, das ist ein Plus von 105 Prozent gegenüber 2012 (2.956 E-Fahrzeuge). Die Zahl der Plug-in-Hybride, die auf unsere Straßen kamen, hat sich 2013 um mehr als ein Drittel (35 Prozent) auf 1.655 Einheiten erhöht. Insgesamt sind das über 7.700 Neuwagen mit alternativem Antrieb, eine Steigerung von 84 Prozent. Auch die Vernetzung ist weiter auf dem Vormarsch: Mit mehr Assistenzsystemen, mehr Sicherheit und mehr Komfort.

Natürlich steht hier in Genf die Erholung des westeuropäischen Marktes im Mittelpunkt des Interesses. Hinzu kommt: Auch der Pkw-Weltmarkt insgesamt wird 2014 weiter wachsen – um 3 Prozent auf gut 75 Millionen Einheiten. China wird mit plus 7 Prozent die 17-Millionen-Marke knacken, der US-Markt für Light Vehicles wird um 3 Prozent auf knapp 16 Mio. Fahrzeuge zulegen. Für Indien (+2 Prozent), Russland (+3 Prozent) und Brasilien (+2 Prozent) sehen wir jeweils ein Plus im niedrigen einstelligen Bereich.

Die deutsche Automobilindustrie ist global gut aufgestellt, sie hat frühzeitig und konsequent den Auf- und Ausbau ihrer internationalen Standorte vorangetrieben. Weltweit wird sie 2014 14,7 Mio. Pkw produzieren (+4 Prozent), davon an ausländischen Standorten gut 9,1 Mio. Einheiten (+6 Prozent). Unser Weltmarktanteil bei Pkw beträgt knapp 20 Prozent, bei Premium liegt er weltweit bei nahezu 80 Prozent.

Die „Zwei-Säulen-Strategie“ – Export aus Deutschland und Fertigung vor Ort – erweist sich ein weiteres Mal als erfolgreicher Ansatz: Sie verstärkt nicht nur unsere Präsenz auf den Wachstumsmärkten, sondern sichert auch Beschäftigung am Standort Deutschland. Auch die deutschen Zulieferunternehmen sind weltweit mit eigener Produktion präsent. Sie folgen einerseits den deutschen Herstellern auf die Auslandsmärkte – und erschließen andererseits Kundenpotenzial bei ausländischen Herstellern. Der Export aus Deutschland kommt hinzu.

Allerdings mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Produktionsstandort Deutschland gerade für Zulieferer mehr und mehr unter Druck gerät. Niemand sollte sich daher der Illusion hingeben, die aktuelle Stärke Deutschlands als Industriestandort sei „naturgegeben“. Im Gegenteil, Deutschland muss sich seine Wettbewerbsfähigkeit täglich neu erarbeiten.

Damit komme ich zu den Rahmenbedingungen. Und hier besteht durchaus Anlass zur Sorge. Deutschland braucht eine kluge Standortpolitik, die Impulse für die Innovations- und Investitionskraft der Unternehmen gibt und Industrie und Mittelstand nicht schwächt. Drei Punkte will ich hervorheben, die besonders dringend angepackt werden müssen: Wir brauchen bezahlbare Energiepreise, wir sehen mit Sorge die Entwicklung der Lohnstückkosten, und wir brauchen einen weiterhin flexiblen Arbeitsmarkt.

Unser Strompreis ist durch die staatlichen Belastungen und wegen der aus dem Ruder gelaufenen EEG-Förderung teilweise doppelt bis dreifach so hoch wie in Nachbarländern oder in den USA. Alle sind sich darin einig, dass das EEG-Gesetz dringend reformiert werden muss. Wenig überzeugend ist es, für diese Reform die Eigenstromproduktion der Industrie zu verteuern. Nicht nur die energieintensiven Betriebe, auch andere Branchen, wie die Automobilindustrie, haben inzwischen eigene Kraftwerke. Diese Eigenstromproduktion ist hocheffizient, weil die Abwärme gleichzeitig für die Produktion genutzt werden kann. Sie bietet den Unternehmen Versorgungsicherheit und schafft eine relative Erleichterung am Standort Deutschland. Für den zugekauften Strom zahlen unsere Unternehmen fast ausnahmslos die volle EEG-Umlage. Daher darf es keine weitere Belastung für Eigenstrom geben. Die unablässig steigenden Energiekosten in Deutschland haben bereits dazu geführt, dass viele Investitionen „on hold“ gestellt wurden.

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Standortes wird, neben den Energiekosten, stark durch die Entwicklung der Lohnstückkosten beeinflusst. Im Zeitraum 2005 bis 2012 legten die realen Lohnstückkosten, etwa in Frankreich und Italien, deutlich zu, während in Deutschland die Lohnstückkosten in diesem Zeitraum nahezu konstant blieben. Doch auf diesem Wettbewerbsvorteil können wir uns nicht ausruhen. So sind 2012 auch in Deutschland die Lohnstückkosten wieder gestiegen. Wenn wir mittelfristig unseren hohen industriellen Wertschöpfungsanteil in Deutschland halten wollen, müssen wir sowohl die Energiekosten als auch die Arbeitskosten im Griff halten.

Ich fasse zusammen: Wir kommen mit Zuversicht nach Genf. Der westeuropäische Markt legt 2014 nach einer langen Durstrecke wieder zu. China und der US-Markt wachsen weiter. Der Pkw-Weltmarkt steigt auf 75 Mio. Einheiten in diesem Jahr. Unsere Hersteller zeigen hier in Genf spannende Neuheiten, im Premium- und im Volumensegment, bei klassischen und alternativen Antrieben. All das sind gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Autojahr 2014. Allerdings müssen wir alle darauf achten, dass der Industriestandort Deutschland weiterhin wettbewerbsfähig bleibt. Dazu gehören vertretbare Energiekosten und ein genauer Blick auf die Entwicklung der Lohnstückkosten.

 

  Februar 2014 Januar - Februar 2014
Personenkraftwagen *) Anzahl ±% Vorjahr Anzahl ±% Vorjahr
Neuzulassungen 209.400 4 415.400 6
davon
dt. Marken inkl. Konzernmarken 149.900 7 299.400 8
ausl. Marken 59.500 -1 116.000 1
Export 379.800 7 723.200 9
Produktion 493.200 7 935.600 9
*) z.T. vorläufig
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