Pressemeldungen

Wissmann: Europa braucht bessere Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Wachstum

Berlin, 23. Mai 2014

14. Mittelstandstag des VDA – TTIP bietet gerade kleineren Firmen Vorteile

„Nur mit einer global wettbewerbsfähigen Industrie wird die EU ihr Wohlstandsversprechen einlösen können. Während in der Europäischen Union nur 7 Prozent der Weltbevölkerung leben, entstehen hier zugleich 50 Prozent der weltweiten Sozialausgaben. Diese zu erarbeiten, erfordert Rahmenbedingungen für eine wachstumsorientierte Wirtschaft, die sich auf den Weltmärkten behaupten kann. Globale Wettbewerbsfähigkeit ist kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für zukunftsfähige Arbeitsplätze und soziale Sicherheit. Nachhaltiges Wachstum schaffen wir nur mit Strukturreformen zuhause und soliden Finanzen der Mitgliedstaaten. Wir sehen, dass der Reformkurs in vielen südeuropäischen Staaten bereits Früchte trägt. Aber die deutlich gesunkenen Zinsaufschläge für bestimmte Euro-Anleihen dürfen uns nicht verleiten, im Reformeifer nachzulassen. Weitere strukturelle Anpassungen sind erforderlich – insbesondere im Bereich der sozialen Sicherungssysteme“, betonte Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), auf dem 14. Mittelstandstag des VDA in Bonn vor zahlreichen hochrangigen Gästen.

Auf der Veranstaltung, die von Arndt G. Kirchhoff, Geschäftsführender Gesellschafter und CEO der Kirchhoff Holding GmbH sowie Vorsitzender des VDA-Mittelstandskreises, eröffnet wurde, sprachen u. a. Matthias Müller, Vorsitzender des Vorstands der Dr. Ing. h. c. F. Porsche AG, Dr. Stefan Wolf, Vorsitzender des Vorstandes der ElringKlinger AG, Franz Fehrenbach, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Robert Bosch GmbH, und Herbert Reul, MdEP, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament.

Matthias Wissmann unterstrich: „Aus Sicht der deutschen Automobilindustrie ist eines klar: Als offene, global ausgerichtete Volkswirtschaft profitiert Deutschland von einer vertieften europäischen Integration. Wer die Renationalisierung als die bessere Alternative für unser Land darstellt, führt die Menschen leichtfertig in die Irre.“

Mit Blick auf Brüssel sagte Wissmann: „Gerade unsere kleinen und mittelständischen Betriebe sind darauf angewiesen, dass der politische Wind aus einer verlässlichen Richtung kommt. Ständig wechselnde Windrichtungen hingegen zehren nur unnötig an den Kräften, die wir dringend benötigen, um im internationalen Wettbewerb richtig Fahrt aufnehmen zu können.“ Brüsseler Entscheidungen und Gesetze seien häufig zu wenig innovationsorientiert und kosteneffizient, Zielkonflikte fast schon die Regel. „Hier wäre eine bessere Abstimmung wünschenswert. Insbesondere müssen Energie-, Klima- und Umweltpolitik besser mit einer Stärkung der industriellen Basis in Einklang gebracht werden. Wir brauchen auch eine gezielte Förderung von Forschung und Entwicklung“, betonte Wissmann.

Nachdrücklich sprach sich der VDA-Präsident für das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (Transatlantic Trade and Investment Partnership, TTIP) aus. Er wies darauf hin, dass die aktuelle öffentliche Diskussion leider vor allem von Ängsten geprägt sei, die TTIP-Gegner zu schüren versuchten. Statt die Vorteile für alle Bürger hervorzuheben, reduziere sich die Debatte auf die Begriffe „Chlorhühnchen“ und „Genmais“.

Wissmann betonte: „Bei TTIP geht es nicht darum, Sozial-, Produkt- oder Umweltstandards aufzuweichen, sondern Doppelregulierungen und Bürokratie abzubauen. Die USA und die EU haben schon heute häufig gleich hohe Standards, die sie allerdings auf jeweils unterschiedliche Weise erreichen. Diese Praxis nutzt niemandem – außer Bürokraten und Regulatoren.“

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen sowie die Bürger beider Kontinente würden von dem Abkommen profitieren, unterstrich der VDA-Präsident: „Durch unterschiedliche Standards auf beiden Seiten des Atlantiks entstehen bürokratischer Aufwand und hohe Verwaltungskosten. Diese können sich kleinere Betriebe meist nicht leisten. Sie verfügen oftmals nicht über die notwendigen Spezialisten und Fachabteilungen für knifflige Zulassungsfragen. Werden diese Hemmnisse aber beseitigt, öffnet sich der transatlantische Markt auch diesen Betrieben. Sie können in den USA wesentlich leichter ihre Produkte anbieten. Das bringt Umsatz und neue Jobs.“

So rechne das ifo-Institut damit, dass in Deutschland und in der EU das Pro-Kopf-Einkommen um rund 5 Prozent wachsen werde, wenn Zölle abgeschafft und Standards angeglichen werden. Insgesamt könnten gut 2,4 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen, davon über 1 Million in der EU.

Die Chancen, die TTIP biete, sollten auch deshalb genutzt werden, weil sich bereits in den vergangenen Jahren die Struktur des Welt-Automobilmarktes erheblich verändert habe. Wissmann: „Die künftigen Wachstumsmärkte liegen außerhalb der europäischen Region, aktuell vor allem in China und in den USA.“ Insgesamt werde der Pkw-Weltmarkt 2014 voraussichtlich um 2 Prozent auf 74,5 Mio. Neuwagen zulegen. Der chinesische Pkw-Markt werde auf 17,4 Mio. Einheiten steigen und sich damit gegenüber 2009 mehr als verdoppeln, während der Anteil Europas von 25 (2009) auf 16 Prozent (2014) zurückgehe.

Die deutschen Pkw-Hersteller haben 2013 knapp 3,5 Mio. Fahrzeuge in China produziert. Wissmann betonte: „Auch viele deutsche Zulieferer ziehen mit. Sie beschäftigen in China heute mehr als 70.000 Mitarbeiter und setzen jährlich mehr als 10 Mrd. Euro um. Am chinesischen Beispiel wird deutlich: Nur wer weltweit unterwegs ist oder zumindest weltweit liefert, kann von den wachstumsstarken Märkten profitieren und auf Dauer erfolgreich sein. Deswegen treiben inzwischen auch kleine und mittelgroße Zulieferer ihre Internationalisierung voran. Die großen Zulieferer sind längst auf den wichtigen Wachstumsmärkten weltweit präsent: Insgesamt gehen wir von nahezu 2.000 internationalen Standorten aus.“

Obwohl die angespannten Märkte in Europa und der Druck zur Internationalisierung für weiter wachsenden Wettbewerb gerade bei mittelständischen Zulieferern sorgen, „haben die deutschen Zulieferer in diesem anspruchsvollen Wettbewerbsumfeld im Jahr 2013 ihre heimischen Standorte behauptet. Mit 291.000 Beschäftigten im Zuliefersektor lag der Wert auf Vorjahresniveau“, unterstrich Wissmann. Doch sei diese starke Position der Unternehmen keine Selbstverständlichkeit, sondern müsse jeden Tag neu erarbeitet werden.

Wissmann wies auf den Standortfaktor Energiekosten hin und betonte die Notwendigkeit von Flexibilität, um Beschäftigung am Standort Deutschland mit seinen hohen Arbeitskosten zu sichern. Zudem würden die „zentralen Zukunftsthemen“, der demographische Wandel, eine solide Altersvorsorge und ein wachsender Fachkräftemangel, durch die aktuellen Rentenpläne (abschlagsfreie Rente mit 63) nicht gelöst.

Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG, sprach über „Erfolg im globalen Wettbewerb: Wie funktioniert Premium? Und wie halten wir Premium in Deutschland“. Er betonte: „Premium ist immer ein Gemeinschaftsprojekt, an dem die Lieferanten einen ebenso wichtigen Anteil haben wie die OEM selbst. Ohne exzellente Wirtschaftspartner aus der Zulieferindustrie mit hoher Innovationskraft und höchsten Ansprüchen an sich selbst funktionieren Premium und Luxus beim Endprodukt nicht.“ Müller unterstrich: „Was exzellente  Partner betrifft, können wir hier in Deutschland zum Glück aus dem Vollen schöpfen. Kein anderes Land hat eine so vielfältige, mittelständisch strukturierte Zulieferindustrie. Die oft familiengeführten Unternehmen sind überwiegend solide finanziert und zeichnen sich sowohl durch ihre Innovationsstärke als auch durch ihre langfristig orientierte Geschäftspolitik aus. Und sie sind international erfolgreich. Viele von ihnen gelten als ‚Hidden Champions‘, die mit spezialisierten Angeboten zu Weltmarktführern aufgestiegen sind.“

Dr. Stefan Wolf, Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger AG, sprach über „Globalisierung und Standort Deutschland: Strategien für ein profitables Wachstum“: „Der Markt und der Wettbewerb sind heute vollständig global, die Zyklen werden immer kürzer. Diesen Herausforderungen sehen wir uns am Standort Deutschland Tag für Tag gegenüber.“ Er wies darauf hin, dass drei von vier Fahrzeugen, die in Deutschland heute gebaut werden, in die Exportmärkte gehen: „Dieser Exporterfolg ist einer der wichtigsten Garanten des Erfolgsmodells Standort Deutschland“, so Dr. Wolf.

Die stark mittelständisch geprägte Zulieferindustrie stelle nicht zuletzt wegen ihrer ausgeprägten technologischen Stärke und weltweit beachteten Forschungs- und Entwicklungsleistungen einen wichtigen Baustein für diesen Erfolg dar. Sie stehe, so Dr. Wolf, stellvertretend für Wachstum, Beschäftigung und letztlich die Berufsperspektiven vieler junger Menschen: „Diese Chancen gilt es zu erhalten. Nur erfolgreiche, attraktive Unternehmen können angesichts des demografischen Wandels genügend Fachkräftenachwuchs sichern“, betonte Dr. Wolf.

„Umso wichtiger ist es für uns, die Wettbewerbsfähigkeit ständig zu hinterfragen und auf vernünftige Standortfaktoren zu achten. Wieder anziehende Lohnstückkosten und in Anbetracht der Energiewende erreichte internationale Spitzenplätze bei den Energiekosten stellen zunehmend hohe Hürden dar. Flexible Antwortmöglichkeiten auf Marktschwankungen sowie der einfache Zugang zu günstiger Refinanzierung sind die Stellschrauben für den unternehmerischen Erfolg auf den Weltmärkten“, unterstrich Dr. Wolf.

Franz Fehrenbach, Vorsitzender des Aufsichtsrats von Bosch, sprach über das Thema „Langfristiges versus kurzfristiges Denken: Zur Diskussion der Partnerschaft in der Automobilindustrie“. Er betonte in Bonn: „Ein Grund für den weltweiten Erfolg des deutschen Automobilbaus ist die enge Zusammenarbeit zwischen Herstellern und einer breit gefächerten Zuliefererlandschaft. Gemeinsam haben wir die Internationalisierung vorangetrieben, die heute die Basis für die führende Position im globalen Wettbewerb ist.“ Deswegen sollten die deutschen Zulieferer den Wert der engen Entwicklungspartnerschaft mit den deutschen Automobilherstellern nicht unterschätzen.

„Wenn diese Zusammenarbeit zwischen deutschen Zulieferern und Fahrzeugherstellern nicht mehr funktioniert und dadurch der Standort Deutschland seinen Glanz verliert, wird man uns in einigen Jahren zu Recht kollektive Unvernunft attestieren“, unterstrich Fehrenbach. Natürlich erfordere die zunehmende Wettbewerbsintensität hohe Investitionen in neue Technologien und Modelle. „Denn das hervorragende Image unserer deutschen Hersteller basiert eben nicht nur auf operativer Exzellenz im Einkauf, sondern vor allem auf begeisternden, innovativen Fahrzeugen, die Herz und Verstand der Kunden treffen. Eine einseitige Verfolgung kurzfristiger Kostenziele gefährdet langfristig die Innovationsführerschaft und damit die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten deutschen Automobilindustrie. Nur durch langfristiges Denken und partnerschaftliche Zusammenarbeit können wir den scheinbaren Widerspruch zwischen Wettbewerb bei gleichzeitiger Partnerschaft genauso auflösen, wie den Erhalt der Standortverbundenheit bei gleichzeitiger Intensivierung der globalen Aufstellung“, sagte Fehrenbach.

Herbert Reul, MdEP, Vorsitzender der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen Parlament, betonte auf dem Mittelstandstag:Der deutsche Mittelstand ist nicht nur die Zukunft Deutschlands, sondern auch Grundpfeiler des Wachstums in ganz Europa. Diese Basis muss gestärkt werden. Dafür muss sich die Gesamthaltung gegenüber der Industrie grundlegend ändern. Die Belastung der Industrie mit immer neuen Umweltzielen muss endlich aufhören – strengere CO2-Ziele und strikte Regeln zur Chemikaliennutzung sind nicht das, was innovative Unternehmen brauchen. Stattdessen müssen wir uns von Beginn an die Auswirkungen eines Gesetzesvorschlags auf die Industrie anschauen. Nur dann können wir sinnvolle Gesetze verabschieden, die Innovation und Wachstum in Europa voran bringen.“

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