Automobilindustrie und Märkte

Markt International

Nach sieben aufeinanderfolgenden Jahren des Wachstums zeigte der US-Markt 2017 leichte Sättigungstendenzen.

China – Wachstumstempo gedrosselt

Der Motor der chinesischen Automobilkonjunktur lief auch 2017 rund: Insgesamt rund 24,2 Mio. Basic Cars, MPVs und SUVs wurden im vergangenen Jahr in der Volksrepublik verkauft und damit so viele wie in keinem anderen Einzelmarkt der Welt. Vor dem Hintergrund zunehmender Urbanisierung sowie dem einhergehenden Nachfrageanstieg in den sogenannten Tier 3 und Tier 4 Städten stieg der Pkw-Absatz im vergangenen Jahr um 2 Prozent.

Entscheidender Verkaufsmotor war die bereits im Oktober 2015 eingeräumte Reduzierung der Mehrwertsteuer auf den Kauf von Neuwagen bis zu 1,6 Liter großen Motoren. In den Jahren 2015 und 2016 wurden 5 statt der üblichen 10 Prozent fällig. Die Vergünstigung wurde auch im Jahr 2017 gewährt, jedoch in geringerem Maß (7,5 Prozent). Dies führte vor allem in den letzten Monaten des Jahres 2016 zu erheblichen vorgezogenen Käufen, die zu Jahresbeginn 2017 fehlten. Im vierten Quartal 2017 konnte der Absatz das Rekordniveau des Vorjahres (Q4/16: 7,5 Mio. Einheiten) dann nicht übertreffen und ging um 1 Prozent zurück. Im vergangenen Jahr hatten rund 70 Prozent der Neufahrzeuge einen Motor mit 1,6 Liter Hubraum oder weniger und profitierten damit von der Steuervergünstigung.

Im Gesamtjahr 2017 zeigte sich in der Volksrepublik insgesamt eine Verschiebung der Pkw-Segmente. Mit einem Zuwachs von gut 13 Prozent legten die SUV-Verkäufe deutlich überdurchschnittlich zu und machten mit 10,3 Mio. Einheiten bereits 42 Prozent des Gesamtmarktes aus. Der Absatz von Basic Cars (-2 Prozent auf 11,8 Mio. Einheiten) und MPVs (-17 Prozent auf 2,1 Mio. Einheiten) ging hingegen zurück.

China ist nicht nur der größte Pkw-Markt der Welt, sondern auch führend bei den Zulassungen von Elektroautos und Plug-in-Hybriden. Im vergangenen Jahr wurden dort 581.300 solcher Fahrzeuge verkauft, 72 Prozent mehr als 2016. Der Anteil der Stromer am Gesamtmarkt ist damit von 1,4 Prozent in 2016 auf 2,4 Prozent in 2017 gestiegen. Die chinesische Regierung hat im vergangenen Jahr eine E-Auto-Quote erlassen. Mit dieser werden Hersteller zur Produktion von E-Autos oder Plug-in-Hybriden verpflichtet. Ab 2019 müssen Hersteller Mindestziele beim Anteil von alternativen Antrieben an Produktion und Verkauf einhalten. Dies geschieht über ein komplexes Punktesystem. Falls ein Hersteller die Vorgaben nicht einhalten sollte, müssen Punkte von anderen Herstellern gekauft oder Strafen gezahlt werden.

In China wurden im vergangenen Jahr 40 Prozent aller weltweit neuen schweren Nutzfahrzeuge (über 6 Tonnen) gekauft. Der Markt überstieg nicht nur erstmals seit 2013 wieder die Millionenmarke, sondern erreichte mit 1,3 Mio. verkauften Lkw ein neues Rekordniveau. Bei dem satten Zuwachs von rund 40 Prozent spielten Vorzieheffekte eine Rolle: In China wurde zum 1. Juli 2017 die neue Abgasnorm China National Standard V eingeführt. Der Vorkaufeffekt hat sich dann bis zu Beginn des vierten Quartals 2017 gestreckt. Darüber hinaus dürften die Bau- und Investitionstätigkeiten rund um das Projekt „Neue Seidenstraße“ die Verkäufe befeuert haben.

USA

Nach sieben aufeinanderfolgenden Jahren des Wachstums und dem Erreichen des Rekordniveaus von 17,5 Mio. Fahrzeugen im Jahr 2016 zeigte der US-Markt 2017 leichte Sättigungstendenzen. Die Light Vehicle-Verkäufe sanken um 2 Prozent auf 17,1 Mio. Einheiten, erreichten damit jedoch noch immer ein hohes Niveau. Für eine Sonderkonjunktur sorgten die beiden Hurricanes Harvey und Irma im Spätsommer, die zahlreiche Autos zerstörten – geschätzte 100.000 Fahrzeuge mussten neu beschafft werden.

Aufgrund hoher Lager- und Händlerbestände wurde die Produktion in den US-amerikanischen Werken vor dem Hintergrund der  Abkühlung des Marktes bereits zur Jahresmitte deutlich gedrosselt. Im Gesamtjahr sank die Fertigung um 9 Prozent auf 10,9 Mio. Light Vehicles, im gesamten NAFTA-Raum steht ein Rückgang um gut 4 Prozent zu Buche (17,0 Mio. Fahrzeuge).

Grundsätzlich waren die Rahmenbedingungen für die US-Autokonjunktur 2017 gut: der – wenngleich zuletzt gestiegene - Preis für eine Gallone Regular Gasoline lag im Jahresmittel mit 2,42 USD weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der davorliegenden fünf Jahre (3,01 USD). Hinzu kamen eine hervorragende Arbeitsmarktsituation und ein hohes Konsumentenvertrauen. Auch die Finanzierungsbedingungen waren trotz dreimaliger Leitzinserhöhung durch die US-Notenbank Fed nach wie vor günstig. Zudem gewährten die Hersteller kräftige Rabatte.

Der nicht nur in den USA zu beobachtende Trend zu den Light Trucks setzte sich auch 2017 fort. Während der Absatz von Pickups, SUVs, CUVs und Vans um gut 4 Prozent auf knapp 11,1 Mio. Fahrzeuge zulegte, sanken die Basic Car-Verkäufe um 12 Prozent auf ca. 6,1 Mio. Einheiten. Damit lag der Light Truck-Anteil im vergangenen Jahr bei knapp 65 Prozent und auf dem höchsten Stand jemals.

Unter den Light Trucks verzeichnet das CUV (Cross Utilty Vehicles)-Segment seit Jahren die höchste Dynamik. 2017 legten die CUV-Verkäufe um 6 Prozent zu. Ihr Anteil am Gesamtmarkt stieg damit weiter auf 35 Prozent. Zum Vergleich: im Jahr 2005 lag der CUV-Anteil noch bei 13 Prozent. Darüber hinaus legten die Verkäufe von Sports Utility Vehicles (SUVs) und Pickup Trucks um jeweils 5 Prozent zu. Damit verblieb der SUV-Anteil bei 8 Prozent, während der Marktanteil der Pickups um einen Prozentpunkt auf 16 Prozent stieg. Als einziges Teilsegment unter den Light Trucks verzeichneten die Vans im vergangenen Jahr einen Rückgang (-8 Prozent). Ihr Marktanteil lag bei 5 Prozent (Vorjahr: 6 Prozent).

Im Kontext eines rückläufigen Gesamtmarkts konnten die deutschen Hersteller ihre Verkäufe in den USA leicht auf 1,35 Mio. Einheiten steigern (+1 Prozent). Somit erhöhten sie ihren Marktanteil von 7,6 auf 7,9 Prozent. Die Light Truck-Verkäufe der deutschen OEMs legten mit 11 Prozent besonders deutlich zu. Damit verdrängten sie die koreanischen Marken vom dritten Rang, deren Marktanteil von 8,1 auf 7,4 Prozent sank. Die Japaner steigerten ihren Marktanteil von 38,2 auf 39,2 Prozent und belegten den zweiten Rang unter den Automobilnationen. Trotz eines Rückgangs von 45,0 auf 44,4 Prozent standen die nordamerikanischen Hersteller erwartungsgemäß weiterhin an der Spitze des Wettbewerbs um den US-Markt.

Südamerika

Das Automobiljahr 2017 verlief in den Mercosur-Mitgliedstaaten erfolgreich. Nachdem der Markt in den drei vorherigen Jahren jeweils zweistellig schrumpfte und insgesamt rund 40 Prozent seines Volumens verlor, konnten erstmals wieder positive Nachrichten vermeldet werden. Insgesamt wurden 3,1 Mio. Light Vehicles abgesetzt, 13 Prozent mehr als im Vorjahr.

Insbesondere die beiden größten Volkswirtschaften Südamerikas, Argentinien und Brasilien, zeigten deutliche Erholungssignale. Brasilien konnte sich aus der Rezession der Vorjahre befreien und verzeichnete ein leichtes BIP-Wachstum. Die Inflation sank deutlich und der Leitzins erreichte ein historisch niedriges Niveau. Zudem lebte die Konsumentenstimmung deutlich auf, sodass der private Konsum zur volkswirtschaftlichen Erholung beitrug. Es stehen allerdings weiterhin erhebliche politische Risiken im Raum. Der Korruptionsskandal, der weite Teile der politischen Landschaft Brasiliens in Mitleidenschaft gezogen hat, ist weiterhin nicht ausgestanden. In diesem Jahr stehen zudem  Präsidentschaftswahlen an.

Zum Jahresende 2017 lief das Förderprogramm „Inovar Auto“, das Anreize zur lokalen Fertigung von Kraftfahrzeugen schuf, aus. Ersetzt wird es durch ein neues Förderprogramm – „Rota 2030“. Künftig soll sich etwa die IPI-Steuer (Industrieproduktsteuer) an der Energieeffizienz der Fahrzeuge bemessen. Dadurch soll u.a. die bisher hohe Steuerlast auf Elektrofahrzeuge abgemildert werden.

Vor dem Hintergrund der auflebenden Wirtschaft konnte der Light-Vehicle-Absatz im Jahr 2017 erstmals seit 2012 wieder wachsen. Bereits im Jahresverlauf 2016 wurde der Rückgang der Light-Vehicle-Verkäufe sukzessive kleiner, seit dem zweiten Quartal 2017 wurden positive Wachstumsraten verzeichnet. Im Gesamtjahr 2017 wuchs der Markt auf 2,2 Mio. Einheiten – ein Plus von 9 Prozent. Das Marktvolumen liegt damit allerdings weiterhin rund 40 Prozent unter dem Rekordniveau von 2012.

Die Produktion von Light Vehicles in Brasilien konnte in 2017 deutlich anziehen. Insgesamt wurden 2,6 Mio. Pkw und Light Trucks produziert, 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Dies lässt sich insbesondere auf den stark anziehenden Export zurückführen. Es wurden rund 50 Prozent mehr Fahrzeuge ausgeführt als 2016.

Argentinien hat sich unter Präsident Macri seit Ende 2015 zum Hoffnungsträger des südamerikanischen Kontinents entwickelt. Das seitdem eingeschlagene, hohe Reformtempo trägt immer stärker Früchte. Durch das wiederkehrende Vertrauen von Investoren wurde unter anderem die Rückkehr an die internationalen Finanzmärkte möglich. Macri strebt zudem eine engere Kooperation des Mercosur mit der Europäischen Union an. Erstmals seit Jahren liegt bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen der sprichwörtliche Ball nun auf Seiten Europas. Auch das Konsumklima hellt sich seit Mitte 2016 fortwährend auf. Davon profitieren auch die Light-Vehicle-Verkäufe. Sie legten bereits zum zweiten Mal infolge auf Jahresbasis um 23 Prozent zu und erreichten ein Marktvolumen von 883.800 Einheiten. 2017 war somit das zweitstärkste Jahresergebnis, dass auf dem argentinischen Light-Vehicle-Markt jemals erzielt werden konnte.

Währenddessen trat die Produktion von Neufahrzeugen in Argentinien auf der Stelle. Mit 472.200 Light Vehicles wurde gerade so das Vorjahresniveau erreicht. Hintergrund war der erneut zurückgegangene Light-Vehicle-Export, der 2017 noch unter das ohnehin niedrige Niveau von 2016 zurückfiel.

Indien

Der indische Pkw-Markt ist auch 2017 dynamisch gewachsen. Über 3,2 Mio. Pkw wurden im vergangenen Jahr in Indien verkauft, fast 9 Prozent mehr als im Vorjahr. Erfreulicherweise stellten sich dabei auch die Demonetarisierung zum Jahresende 2016 und die große Steuerreform im Sommer 2017 nur als kurzfristige Hindernisse heraus.

Im Juli hatte die Zentralregierung die Waren- und Dienstleistungssteuer („Goods and Service Tax“ - GST) reformiert und landesweit vereinheitlicht. Die dadurch erreichte Komplexitätsreduktion soll die langfristigen Wachstumsaussichten verbessern. Ökonomen gehen davon aus, dass durch die Steuerreform ein zusätzliches Wachstum bis zu 2 Prozent generiert werden kann. Trotz der Demonetarisierung zum Jahresende 2016 und der Steuerreform im vergangenen Sommer ist die indische Wirtschaft 2017 um 6,7 Prozent gewachsen und hat nur kurzfristige Einbußen verzeichnen müssen. Im kommenden Jahr wird wieder ein Wachstum von über 7 Prozent prognostiziert.

Der indische Pkw-Markt bietet auch weiterhin noch viel Raum für Wachstum. Mit knapp 25 Pkw pro 1.000 Einwohner liegt die Pkw-Dichte auf einem sehr niedrigen Niveau. Steigende Einkommen und eine wachsende Mittelschicht unterstreichen die Wachstumspotentiale. Langfristig hat der indische Pkw-Markt das Potential nach China und den USA das größte Verkaufsvolumen weltweit zu haben.

Die Verkäufe von Lkw (über 6 Tonnen) legten 2017 um rund 13 Prozent zu. Dabei konnte vor allem am Jahresende deutliche Verkaufszuwächse erzielt werden. Mit 294.900 verkauften Einheiten wurde das höchste Marktvolumen seit 2011 erreicht.

Auch die Produktion in Indien hat im vergangenen Jahr zulegen können. Mit 3,9 Mio. gefertigten Pkw liefen knapp über 7 Prozent mehr Fahrzeuge vom Band als im Vorjahr. Die Produktion der deutschen Hersteller erreichte 2017 ein Volumen von 165.200 Fahrzeugen. Dies bedeutete einen Zuwachs von rund 6 Prozent. Zulegen konnten auch die deutschen Pkw-Exporte nach Indien. Nach einem schwachen Vorjahr, in dem der Fahrzeugexport um 32 Prozent zurückging, wuchsen die Pkw-Exporte auf 20.400 Einheiten. Damit liegen sie jedoch immer noch rund 25 Prozent unter dem Niveau von 2015.

Dr. Manuel Kallweit
Dr. Manuel Kallweit Leiter Abteilung Märkte, Analysen, Rohstoffe, Statistik

Tel: +49 30 897842-330 Fax: +49 30 897842-607
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