Automobilindustrie und Märkte

Mittelstand

Für den gemeinsamen Erfolg von OEM und Zulieferern spielt die enge Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Der größte Teil der Wertschöpfungdes Endprodukts – etwa 75 Prozent – wird in vor- und zwischengeschalteten Stufen erbracht.

Zulieferer und Mittelstand

Die deutsche Automobilzuliefererindustrie steht mit ihren 300.000 Beschäftigten wie kaum eine andere Branche für Innovationsgeist, globale Präsenz und Leistungsfähigkeit. Dabei ist die Branche alles andere als homogen. Hier treffen Familienunternehmen auf Weltkonzerne, Chiphersteller auf Stahlverarbeiter, Unternehmen mit Dutzenden globaler Standorte auf kleine Spezialisten, die mit 100 Mitarbeitern an der Zukunft der Mobilität tüfteln. Genauso individuell, wie diese Unternehmen sind, müssen die Antworten auf die Zukunftsfragen für jedes einzelne Unternehmen ausfallen. Und dennoch gibt es einige Gemeinsamkeiten.

Das betrifft vor allem den Standort Deutschland: Er ist und bleibt Heimat der Zulieferunternehmen und auch Produktions- und Entwicklungsschwerpunkt. Dennoch ist die Antwort auf die Standortfrage kein Automatismus mehr. Bereits heute wird die Mehrzahl der Teile, die von Fahrzeugherstellern in den deutschen Werken verbaut werden, aus dem Ausland eingeführt. Eine kluge Wirtschaftspolitik muss daher berücksichtigen, dass gerade der Mittelstand das Rückgrat der deutschen Automobilindustrie bildet.

Andererseits ist auch die Internationalisierung für Hersteller und Zulieferer unverzichtbar. Das hat aktuell eine Studie des Center for Automotive Management und von Prof. Dr. Stefan Bratzel gezeigt: Die deutschen Hersteller treffen gerade an ihren Auslandsstandorten immer mehr auf internationale Zulieferer. Eine Kooperation zwischen deutschen Herstellern und deutschen Zulieferern ist daher weniger denn je selbstverständlich. Andererseits können global aufgestellte Zulieferer mit neuen Kunden aus Asien und Amerika ins Geschäft kommen. Die aktuelle VDA-Standortumfrage zeigt: Mit über 3.000 Standorten weltweit ist die Zulieferindustrie so stark internationalisiert wie die Automobilhersteller. Gegenüber der letzten Umfrage aus dem Jahr 2010 ist dies ein erheblicher Zuwachs um rund 700 Standorte. Die VDA-Mitgliedsunternehmen produzieren in fast 80 Ländern. Allerdings wird dieses Bild von den 100 größten Unternehmen dominiert. Das ist – gemessen an der gesamten Anzahl der Zulieferer, die sich im VDA engagieren – die Spitze des Eisberges. Um den wirtschaftlichen Erfolg und den Standort Deutschland zu sichern, ist es deswegen unerlässlich, dass auch mittlere und kleine Unternehmen in neue Märkte expandieren.

VDA fördert Globalisierung

Lokale Produktionsstandorte sind in Schwellenländern oftmals die wichtigste Voraussetzung, um Fuß fassen zu können. Vorreiter sind häufig die Hersteller, in deren Gefolge auch die Zulieferer am Absatzwachstum partizipieren. Für Tier-1-Zulieferer gehört ein intaktes internationales Produktionsnetzwerk längst zum festen Bestandteil der Geschäftsstrategie. Dagegen zögern kleine und mittlere Zulieferer, in fremden Märkten zu investieren und neue Produktionsstandorte zu errichten. Das Risiko einer Fehlinvestition wiegt für sie deutlich schwerer. Um den kleinen und mittleren Unternehmen den Sprung in Entwicklungs- und Schwellenmärkte dennoch zu ermöglichen, hat der VDA Anforderungen und Lösungsvorschläge langfristiger Finanzierungen diskutiert. Letztlich konnten in Zusammenarbeit mit der DEG und der IKB zwei Finanzierungsmodelle erarbeitet werden.

Für den Schritt in neue Märkte ist neben der Finanzierung auch eine verlässliche Informationsbasis vonnöten. Neben herkömmlichen Marktdaten sind Erfahrungen anderer Unternehmen besonders wertvoll. Der VDA hat in den Schlüsselmärkten China und Mexiko „Round Tables“ etabliert. Lokale CEOs deutscher Zulieferer und Vertreter der Hersteller tauschen hier Informationen und Erfahrungen aus und diskutieren Möglichkeiten zur Zusammenarbeit.

Wegen der enormen Bedeutung Chinas als Absatz- und Produktionsstandort hat der VDA außerdem ein Büro in Peking für seine Mitglieder eingerichtet. Das Team arbeitet zunächst an einem abgesteckten Themenkreis rund um Normung und Standardisierung, Logistik und Aftermarket.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erschließung des russischen Marktes. Sie wird durch die tiefe Rezession, in der Russland steckt, deutlich erschwert. Unabhängig davon versucht die russische Regierung seit einigen Jahren, mit protektionistischen Maßnahmen den Aufbau lokaler Produktionsstrukturen zu erreichen. Daher startete der VDA bereits 2013 ein Zulieferercluster für Russland, in dem derzeit 18 Unternehmen mitarbeiten. Die Unternehmen arbeiten gemeinsam daran, in Russland ein stabiles Liefernetzwerk zu etablieren. Die Initiative ist weiter für neue Teilnehmer offen.

Innovationskooperationen

Innovationen sind für die Automobilzulieferer der wichtigste Schlüssel, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Der VDA hat in Zusammenarbeit mit dem Center of Automotive Management (CAM) von Prof. Dr. Stefan Bratzel erstmals die Innovationsstärke der Automobilindustrie und die Innovationsbeziehungen zwischen Zulieferern und Herstellern untersucht. Analysiert wurde die Innovationskraft von Automobilherstellern im internationalen Vergleich auf Basis empirischer Innovationsdaten. Ausgangspunkt sind mehr als 7.000 Innovationen zwischen 2005 und 2014, die nach quantitativen und qualitativen Kriterien bewertet werden.

Die Studie belegt, dass die Innovationskraft der deutschen Hersteller in den vergangenen zehn Jahren über alle Technologiefelder im Vergleich mit den Wettbewerbern überdurchschnittlich gestiegen ist. Das zeigte die Analyse von 7.032 fahrzeugtechnischen Innovationen von 18 globalen Automobilherstellerkonzernen. Da diese Innovationen in Zusammenarbeit mit Zulieferern entstanden, wurden vor allem Kooperationsbeziehungen zwischen globalen OEM und globalen Automobilzulieferern näher analysiert. Im Ergebnis zeigt sich, dass Innovationen der Hersteller aus Deutschland, den USA und Japan zwar mehrheitlich mit Lieferanten aus dem eigenen Land entwickelt werden. In den letzten Untersuchungsjahren von 2011 bis 2014 wurde das Kooperationsmuster sowohl von OEM als auch von Zulieferern jedoch zunehmend internationaler: Hersteller arbeiten bei Innovationen signifikant weniger mit einheimischen Lieferanten zusammen. So haben deutsche Hersteller von 2007 bis 2010 noch zu mehr als zwei Dritteln ihre Innovationen mit deutschen Zulieferern realisiert. In den letzten Jahren ist der Anteil auf 47 Prozent zurückgegangen. Umgekehrt haben deutsche Zulieferer von 2007 bis 2010 noch über 80 Prozent Innovationen mit deutschen Herstellern realisiert. In den letzten Jahren ist der Anteil auf 57 Prozent zurückgegangen. Deutsche Zulieferer arbeiten insbesondere auch mehr mit US-amerikanischen Herstellern zusammen.

Entwicklungsdienstleister

Die Entwicklungsdienstleister (EDL) erbringen für die Hersteller Entwicklungsarbeiten und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Innovationssteigerung und Effizienzverbesserung der gesamten Wertschöpfungskette. Sie sind in der Regel auf die Entwicklung von Bauteilen, Modulen und Systemen eines Fahrzeugs fokussiert und betreuen den gesamten Entwicklungszyklus von der Vorentwicklung bis zum Start der Serienproduktion. Der VDA bietet diesen Unternehmen mit dem EDL-Interessenkreis ein Forum, um Chancen, Herausforderungen und Probleme in der Zusammenarbeit zu diskutieren. Über 20 namhafte Entwicklungsdienstleister nehmen daran teil.

Die EDL-Branche befindet sich derzeit im Umbruch. Die Regulierung von Werkverträgen und Arbeitnehmerüberlassung sowie steigendende Haftungsrisiken gegenüber den Herstellern erzeugen Handlungsbedarf. Noch vor der Gesetzesänderung haben Hersteller und Entwicklungsdienstleister ihre Prozesse angepasst oder neu ausgerichtet. Eine vertiefende Analyse der Herausforderungen hat der VDA in einer gemeinsamen Studie mit der Unternehmensberatung Berylls vorgenommen. Die Studie mit dem Titel „Automotive Entwicklungsdienstleistung – Zukunftsstandort Deutschland“ ist kostenlos auf der VDA-Webseite abrufbar.

Länderdialog

Die deutsche Automobilzulieferindustrie ist stark regional verankert. In den Bundesländern haben sich daher regionale Clusterinitiativen gebildet, die die kleinen und mittelständischen Zulieferer auf vielfältige Weise unterstützen. Der VDA steht in engem Kontakt mit den Zuliefererclustern der Bundesländer und kooperiert mit ihnen bei gemeinsamen Veranstaltungen oder im Rahmen der IAA. Im VDA-Länderdialog kommen die automobilen Clusterinitiativen der Bundesländer einmal jährlich mit den Landeswirtschaftsministerien zum Informationsaustausch zusammen. Einen weiteren Service bietet der VDA durch die Zuliefererdatenbank auto-world.org, in die neben VDA-Mitgliedsunternehmen auch Unternehmen verschiedener Clusterinitiativen integriert sind. Der Schwerpunkt liegt hier auf der regionalen Suche. Die Zuliefererdatenbank ist eine Ergänzung des VDA-Herstellernachweises.

Automobilindustrie und Start-ups

Die Digitalisierung in all ihren Facetten hat erheblichen Einfluss auf die Automobilindustrie auf der Kundenseite durch neue Mobilitätsdienste, durch das vernetzte und automatisierte Fahren oder in der Produktion. Die Automobilindustrie stellt sich auf neue Akteure in der automobilen Lieferkette ein. Dazu gehören vor allem junge, kreative Software- und Digital-Start-ups. Mit diesen Unternehmen will die Automobilindustrie intensiv kooperieren, um ihre Innovationen für Mobilitätstechnologie „made in Germany“ zu nutzen. Der VDA hat die Zusammenarbeit der Automobilindustrie mit der nationalen und internationalen Start-up-Szene daher in den vergangenen zwei Jahren gezielt forciert. Mit verschiedenen Projekten und Initiativen schafft der Verband eine neue Plattform, um den Austausch zwischen Unternehmen der Automobilindustrie und Start-ups deutlich zu intensivieren.

VDA-Mitgliedsunternehmen und Start-ups sollen regelmäßig Gelegenheit haben, in Kontakt zu kommen. Dazu wurde bereits eine Digital Learning Journey ins Leben gerufen, bei der automobile Mittelständler zahlreiche Mobilitäts-Start-ups kennenlernen konnten. Bei der New Mobility World auf der IAA wurde darüber hinaus eine eigene „Start-up-Zone“ geschaffen. Der VDA arbeitet außerdem intensiv mit dem Bundesverband Deutsche Start-ups zusammen, mit dem ein gemeinsames Positionspapier zur Verkehrs- und Innovationspolitik verabschiedet wurde. Damit Unternehmen und Startups noch intensiver in Berührung kommen, wurde darüber hinaus eine Kooperation mit dem German Tech Entrepreneurship Center (GTEC) geschlossen.

Mittelständische Nutzfahrzeugindustrie

Auch die Nutzfahrzeugbranche ist – von wenigen großen Herstellern abgesehen – mittelständisch geprägt und stellt insgesamt eine bedeutsame Größe für die deutsche Wirtschaft dar. Die gesamte Nutzfahrzeugindustrie zählt rund 190.000 Beschäftigte. Der demografische Wandel, die wachsende Internationalisierung und die zunehmende Digitalisierung stellen die deutschen Mittelständler in der Nutzfahrzeugbranche heute vor neue Herausforderungen. Die meist seit mehreren Generationen geführten Familienunternehmen stehen den heutigen Ansprüchen an die Weiterentwicklung ihrer Produkte hinsichtlich ökologischer und technischer Ansprüche in nichts nach. In keinem anderen Land findet sich in der Anhänger- und Aufbautenindustrie ein solch hoher Grad an Technologie- und Qualitätsdenken sowie innovativen Ideen, die rasch in die Fertigung und innovative Produkte einfließen.

Marius Baader
Marius Baader Leiter Zulieferindustrie und Mittelstand

Tel: +49 30 897842-400 Fax: +49 30 897842-7400
Nach oben springen