Automobilindustrie und Märkte

Mittelstand

Für den gemeinsamen Erfolg von OEM und Zulieferern spielt die enge Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette eine entscheidende Rolle. Der größte Teil der Wertschöpfungdes Endprodukts – etwa 75 Prozent – wird in vor- und zwischengeschalteten Stufen erbracht.

Zulieferindustrie und Mittelstand

Den Grundstein für eine erfolgreiche globale Wachstumsstrategie legen viele deutsche Unternehmen mit einem Engagement vor Ort. Die eigene Dependance oder Produktionsstätte im Ausland bietet erhebliche Vorteile für die Erschließung neuer Märkte, zumal der Zugang zu diesen über den Export immer öfter durch protektionistische Maßnahmen erschwert wird. Viele Firmen haben auch aufgrund solcher Restriktionen in die Lokalisierung investiert. Die Dynamik dieser Umwälzung ist deutlich an den Produktionszahlen der deutschen Automobilhersteller ablesbar. Seit dem Jahr 2010 produzieren sie mehr Fahrzeuge im Ausland als im Inland. In diesem Jahr werden es nahezu 10 Mio. Pkw sein.

Vor diesem Hintergrund sollten am Standort Deutschland die Konsequenzen weiterer Regulierungs- und kostenbelastender Maßnahmen genau abgewogen werden. Insbesondere muss dabei beachtet werden, dass die deutsche Automobilindustrie – trotz einer Reihe großer Unternehmen – vorwiegend mittelständisch geprägt ist. Viele dieser Unternehmen sind längst über den deutschen und europäischen Markt hinausgewachsen und als „Hidden Champions“ mit ihren Kompetenzen zu Weltmarktführern geworden. Ihre Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie darf keinesfalls unterschätzt werden. Die Rahmenbedingungen für die mittelständische Industrie zu stärken muss das Ziel einer zukunftsorientierten Standortpolitik sein.

Den Status quo und die Herausforderungen für den Standort Deutschland hat der VDA jüngst von dem Beratungsunternehmen EY (Ernst & Young) untersuchen lassen. Die Studie ist als Band 49 der VDA-Schriftenreihe „Materialien zur Automobilindustrie“ erschienen.

In den kommenden Jahren werden weitere Produktionskapazitäten in den USA, in Mexiko, China und anderen Emerging Markets aufgebaut. Die Automobilhersteller setzen dabei auf die Unterstützung ihrer Tier-1-Supplier, die mit einer Ausweitung der globalen Teileversorgung ihre Geschäftsbeziehung weiter stärken können.

Was für größere Zulieferer beinahe selbstverständlich scheint, ist für die kleineren unter ihnen noch längst keine Normalität. Denn die Realisierung eines solchen Projekts erfordert oft einen hohen finanziellen und personellen Einsatz, der die verfügbaren Ressourcen erheblich beansprucht. Deshalb sollten diese Unternehmen auch prüfen, ob der Sprung ins Ausland in Kooperation mit anderen Unternehmen sinnvoll ist. Ohne eine internationale Aufstellung werden auch kleinere Unternehmen zukünftig ihre Wettbewerbsposition nicht halten können. Die Kompetenz, weltweit produzieren und liefern zu können, wird auch auf den vorgelagerten Ebenen der Wertschöpfungskette an Bedeutung gewinnen.

Wertvolle Erfahrungen sammelt der VDA mit der Begleitung des Aufbaus des Zuliefererclusters in Russland. 20 Zulieferer aus unterschiedlichsten Produktsegmenten haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam in Russland zu investieren und zu lokalisieren (http://www.vda-kooperationsportal.de/de/ru_pkw). Die Erkenntnisse, die beim Aufbau dieses Clusters gewonnen werden, können später auf andere Projekte übertragen werden.

Auch wenn die Entscheidung zur Lokalisierung nach sorgfältiger Prüfung und anfänglichen Erfolgen positiv stimmt, lassen sich gewisse Risiken eines solchen Projekts nicht ganz eliminieren, wie die derzeitige schwierige Entwicklung des russischen Marktes vor Augen führt. Dennoch sollten und dürfen die langfristigen Marktchancen nicht übersehen werden.

Der VDA unterstützt den Globalisierungskurs

Der VDA versteht sich als Kommunikationsplattform, auf der Informationen aus Unternehmen, Politik und Wirtschaft zusammenlaufen und an interessierte Unternehmen zurückgespielt werden. Mit dem Aufbau eines Representative Office in Peking will der VDA mehr für seine Mitglieder in China leisten und verstärkt seit Ende 2014 seine Aktivitäten auf dem größten Auslandsmarkt. Eine hohe Aktualität der Informationen ist dabei der selbst gesteckte Qualitätsanspruch. Das eigene Representative Office in Peking konzentriert sich mit seinem neu gebildeten Team unter Leitung von Klaus Billetter zunächst auf die Themenfelder Normung, Aftermarket, Logistik und die Unterstützung des Zulieferer-Round-Tables. Mit dem Round Table organisiert der VDA seit 2011 regelmäßige Treffen in Peking und Shanghai für die CEOs der in China aktiven Zulieferer. Im Mittelpunkt stehen die Markt- und Produktionsbedingungen in China, der Dialog mit Automobilherstellern sowie aktuelle Themen der Wertschöpfungskette.

Das große Interesse am Round Table in China sowie der Zuspruch aus den Reihen der Zulieferer bestärken den VDA, die Möglichkeiten der Netzwerkbildung in weiteren Regionen zu untersuchen. So wird zurzeit der Start eines Round Tables in Mexiko in Angriff genommen. Die deutsche Automobilindustrie hat dort in den letzten Jahren stark investiert. Auch Zulieferer sind bereits in hohem Maße vertreten.

Eine weitere Gelegenheit, das eigene Unternehmen bekannt zu machen und Kontakte auf fremden Märkten zu knüpfen und zu vertiefen, eröffnen gemeinsame Messeauftritte. Die Gemeinschaftsstände, die der VDA im Rahmen des Auslandsmesseprogramms, also mit finanzieller und organisatorischer Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums, anbietet, geben kleinen und mittleren Unternehmen die Möglichkeit, zu günstigen Konditionen teilzunehmen und von gemeinsamer Organisation zu profitieren. Derzeit werden solche Gemeinschaftsstände auf Messen in Moskau, Shanghai, Seoul, Neu-Delhi sowie neu in Bangkok und Yokohama angeboten.

Zusammenarbeit in den Regionen: der VDA-Länderdialog

Die Vernetzung im Ausland funktioniert oft besser, wenn Unternehmen auch auf dem Heimatmarkt in Netzwerke eingebunden sind. Das bedeutendste Zuliefernetzwerk in Deutschland ist der VDA. Viele kleinere Firmen engagieren sich zudem in regionalen Strukturen. Dies ist oft der erste Schritt, um Kooperationsmöglichkeiten für die eigenen Projekte zu testen. Der VDA steht in engem Kontakt mit Zuliefererclustern aus den einzelnen Bundesländern und unterstützt diese mittels Mitarbeit in Beiräten, bei gemeinsamen Veranstaltungen und auf der IAA. Die Clustermanager aus den Regionen und die zuständigen Vertreter der Länder-Wirtschaftsministerien nehmen regelmäßig am Informationsaustausch mit dem VDA teil („VDA-Länder-dialog“). Gemeinsames Ziel ist, die Automobilindustrie in den Regionen und darüber hinaus zu fördern.

Mit der frei verfügbaren Datenbank http://www.auto-world.org unterstützt der VDA die Sichtbarkeit der Zulieferer über die Landesgrenzen hinweg. Gelistete Unternehmen können zweisprachig über Bundesland, Ort, Namen und produzierte Teile weltweit ausfindig gemacht werden. Die Datenbank ergänzt den Herstellernachweis der VDA-Mitgliedsunternehmen der Zulieferindustrie (http://www.vda-herstellernachweis.de).

Zusammenarbeit in Europa: CLEPA

Neben dem VDA-Büro in Brüssel, das die Interessen der deutschen Automobilindustrie vor Ort vertritt, arbeitet der VDA zur Wahrung der Interessen der Zulieferer eng mit CLEPA (Comité de Liaison Européen des Fabricants d’Équipements et de Pièces Automobiles) zusammen. CLEPA hat sich inzwischen eine hohe Reputation bei den europäischen Institutionen erarbeitet und agiert auf Augenhöhe mit ACEA, dem europäischen Verband der Fahrzeughersteller. Gebündelt nach Schwerpunkten beschäftigen sich eigene Arbeitsgruppen in CLEPA mit ausgewählten Themengebieten wie technische Regulierung, Gewährleistung oder Forschung und Innovationen. Zu Letzterem informiert CLEPA beispielsweise auch über europäische Förderprogramme und dem Zugang zu ihnen. An einer Förderung interessierte Unternehmen können über die VDA-Abteilung Zulieferindustrie und Mittelstand weitere Informationen anfordern.

Unternehmensfinanzierung: Modell für den Mittelstand

Der Aufbau neuer Produktionskapazitäten im Ausland erfordert oftmals hohe Investitionen, die nicht oder nicht vollständig aus Eigenkapital finanziert werden können. In der Vergangenheit wurde diese Finanzierungslücke gewöhnlich mithilfe der Banken geschlossen. Die Situation bei der Kreditfinanzierung für Unternehmen in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren deutlich entspannt. Solide Unternehmen aller Größenklassen und Branchen können derzeit von günstigen Bedingungen bei der Finanzierung profitieren. Dennoch sind Investitionsfinanzierungen insbesondere für kleinere mittelständische Zulieferer, die den Sprung ins Ausland wagen und Finanzierungslösungen für das Zielland suchen, mit Problemen verbunden. Infolge der europäischen Finanzkrise zeichnen sich regulatorische Änderungen ab, die Befürchtungen nähren, dass es künftig zu Engpässen bei der Langfristfinanzierung kommt. Dabei spielt die Regulierung der Bankenaktivitäten – die Einführung von Basel III – eine wichtige Rolle.

Der Arbeitskreis Finanzen der HG III, dem die CFOs größerer Zulieferer angehören, beschäftigt sich seit einiger Zeit mit diesem Thema und führt dazu Gespräche mit verschiedenen Banken sowie dem sie vertretenden Verband. Inzwischen wurde mit der DEG (Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft) eine Finanzierungslösung für Entwicklungs- und Schwellenmärkte erarbeitet, die eine echte Alternative für mittelständische Unternehmen bieten kann. Das Modell wurde auf dem 15. VDA-Mittelstandstag im Mai 2015 vorgestellt und auf seine Praktikabilität abgeklopft.

Vorsorgemanagement und Fachkräftebindung

Der deutsche Arbeitsmarkt läuft auf Hochtouren: Über 43 Mio. Menschen waren Ende 2014 erwerbstätig. Es gelingt den Unternehmen nicht mehr so einfach wie früher, offene Stellen mit qualifizierten Mitarbeitern zu besetzen. Demzufolge gewinnen Instrumente zur Fachkräftebindung, wie zum Beispiel eine betriebliche Altersvorsorge, verstärkt an Bedeutung. Für mittelständische Zulieferer, die oft gegen attraktivere Angebote größerer Konzerne bestehen müssen, bietet eine auf das Unternehmen zugeschnittene betriebliche Altersversorgung gute Chancen, Arbeitnehmer zu binden und anzuwerben. Mit dem VDA Vorsorgemanagement steht eine innovative Branchenlösung zur betrieblichen Vorsorge exklusiv für VDA-Mitglieder bereit. Sie umfasst Bausteine zur Gesundheitsvorsorge (Präventionsmodelle), zu den verschiedenen Arten der Grundsicherung sowie Modelle zur flexiblen Gestaltung von Zeitwert- und Lebensarbeitszeitkonten; sie deckt somit die wichtigsten Vorsorgefelder ab. Als Branchenlösung bietet das VDA Vorsorgemanagement zudem über einen Gruppenvertrag bestmögliche Leistungen und Konditionen. Ausführliche Informationen zum VDA Vorsorgemanagement sind unter www.vda-vorsorgemanagement.de abrufbar.

Erfolgsfaktor: Zusammenarbeit in der Wertschöpfungskette

Die Automobilindustrie ist typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass der größte Teil der Wertschöpfung am Endprodukt in vor- und zwischengeschalteten Stufen erbracht wird. Gemessen am Wert der Bruttoproduktion werden im Kraftwagenbau mehr als drei Viertel der Wertschöpfung bereits in den Vorstufen erzeugt.

Im gleichen Umfang, wie die Automobilhersteller ihre Fertigungstiefe verringern, übertragen sie Verantwortung und Vertrauen auf ihre Zulieferer. Damit steigt der Druck auf das Management eines immer komplexeren Zulieferernetzwerks, dessen Prozesse stets akkurat abgestimmt sein müssen. Die Lieferantenauswahl und die zugrunde liegenden Geschäftsbedingungen erlangen somit entscheidende Bedeutung für die Zuverlässigkeit der gesamten Wertschöpfungskette.

Faire Geschäftsvereinbarungen zwischen Hersteller und Zulieferer sind ein wichtiger Grundstein für eine nachhaltige und erfolgreiche Partnerschaft. Nicht immer sind aus Zulieferersicht Chancen und Risiken ausgewogen verteilt – und Reibungspunkte in der Wertschöpfungskette führen zu Effizienzverlusten. Die Lösung eines strittigen Themas entsteht im besten Fall im Dialog zwischen den Geschäftspartnern, hängt aber häufig vom Grad der Kompromissbereitschaft der Parteien ab.

In seinen Gremien und Veranstaltungen fördert der VDA die Diskussion zu den Themen der Zusammenarbeit zwischen Herstellern und Zulieferern wie auch zu den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen. Dabei werden kartellrechtliche Belange ausdrücklich und streng beachtet. Dies ist auch im Sinne der Industrie zielführend: Nur im offenen Wettbewerb können die bestmöglichen Ergebnisse erzielt werden.

Entwicklungsdienstleister mit Wachstumspotenzial

In der letzten Dekade haben sich die Entwicklungsdienstleister (EDL), die im VDA zur Herstellergruppe der Zulieferer zählen (HG III), besonders dynamisch entwickelt. Anfang der 1970er-Jahre erstmals an der Fahrzeugentwicklung beteiligt, ist ihr inzwischen überproportionales Wachstum gleichsam Sinnbild für einen Strukturwandel, der durch Optimierung der Arbeitsteilung weitere Effizienzsteigerungen schafft. Allein die weltweit 25 größten Entwicklungsdienstleister beschäftigen inzwischen 127.000 Mitarbeiter und erzielten 2013 einen Umsatz in Höhe von 5,7 Mrd. Euro*. Auch in diesem Segment sind die deutschen Unternehmen führend.

Die EDL übernehmen in ihrer Funktion durchaus auch vormals von den Automobilherstellern selbst ausgeführte Entwicklungsarbeiten und leisten einen maßgeblichen Beitrag zur Effizienzverbesserung der gesamten Wertschöpfungskette. Der Tätigkeitsbereich der meisten EDL umfasst die Entwicklung von Bauteilen, Modulen und Systemen eines Fahrzeugs. Das Geschäftsmodell der EDL erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und Effizienz. Insbesondere der optimale Einsatz von Personal ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass bestehende Gesetze und Regularien notwendige Planungssicherheit bieten müssen. Stabile Rahmenbedingungen sind hinsichtlich der Möglichkeiten des Personaleinsatzes essenziell für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Insbesondere die aktuelle Diskussion um eine Regulierung des Einsatzes von Werkverträgen schafft große Verunsicherung bei den Unternehmen. Eine Einschränkung der Flexibilität beim Einsatz von Arbeitskräften, sei es in der Produktion oder auch in Forschung und Entwicklung, wird den Strukturwandel weiter in Richtung Globalisierung verschieben – zulasten des Industriestandorts Deutschland.

*Quelle: Automotive Entwicklungsdienstleistung – Zukunftsstandort Deutschland, VDA-Materialien zur Automobilindustrie, Band 48

Marius Baader
Marius Baader Leiter Zulieferindustrie und Mittelstand

Tel: +49 30 897842-330 Fax: +49 30 897842-600
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