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    Marktentwicklungen

    Die Produktion der Automobilindustrie internationalisiert sich zunehmend

    2020 ist die Inlandsproduktion von Pkw auf den niedrigsten Stand seit 1975 gesunken. Das verschärft einen anhaltenden Trend.

    2020 ist die Inlandsproduktion von Pkw auf den niedrigsten Stand seit 1975 gesunken. Das verschärft einen anhaltenden Trend.

    Der Standort Deutschland im Umbruch

    Die Ausbreitung der Coronapandemie in Europa im ersten Quartal 2020 hat auch in Deutschland zu Fertigungsstopps geführt. Im April stand nahezu die gesamte Pkw-Produktion still. Der Grund hierfür war neben der Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die weltweite Verzahnung der Lieferketten. Nahezu weltweit mussten die Montagebänder angehalten werden. Der anschließende Wiederhochlauf verlief schleppend, die plötzlich weggebrochene Nachfrage hat sich hier negativ ausgewirkt.

    Ein wichtiges Instrument, um die Arbeitsplätze zu erhalten, war die Kurzarbeit, die vor allem im April nahezu die gesamte Branche betraf. Außerdem hat das Konjunkturpaket aus dem Juni mit der temporären Mehrwertsteuersenkung bis zum Jahresende sowie der Erhöhung des staatlichen Anteils am Umweltbonus die Transformation hin zu elektrischen Antrieben weiter beschleunigt.

    Im Ergebnis ist die Inlandsproduktion 2020 um 25 Prozent auf 3,5 Millionen Pkw gesunken, das war der niedrigste Stand seit 1975. Allein in den letzten vier Jahren ist die heimische Fertigung um 2,2 Millionen zurückgefahren worden. Auf die Pandemie entfällt hierbei etwa die Hälfte. Der restliche Produktionsabbau hat mit strukturellen Faktoren wie der Transformation hin zum Elektroantrieb, dem Segmentmix, Standortbedingungen sowie zunehmender Vor-Ort-Fertigung zu tun.

    Die Faktoren im Einzelnen

    Der Aufschwung der Elektromobilität geht einher mit einer Abkehr von den Verbrennungsmotoren. Sowohl der Benzin- als auch der Dieselmotor verzeichnen 2020 mit 31 Prozent einen mehr als überproportionalen Produktionsrückgang in Deutschland. Das trifft die deutschen Hersteller besonders stark, da sie vor allem beim Diesel eine besonders starke Position innehaben. Der Erfolg im Bereich Elektromobilität kann die volumenmäßig deutlich höheren Rückgänge bei den Verbrennern derzeit nur zum Teil wettmachen.

    Zusätzlich gibt es seit vielen Jahren einen starken Trend hin zu effizienten Kompakt-SUV. Die Produktion neuer Modelle in diesem Bereich wurde von den deutschen OEMs zuletzt vor allem im europäischen Ausland angesiedelt.

    Schon seit vielen Jahren sinkt die Produktion von Klein- und Kompaktwagen in Deutschland. Hierfür sind vor allem die sehr hohen Arbeitskosten, die zu einem großen Teil von den erheblichen Lohnzusatzkosten herrühren, verantwortlich.

    Pkw-Produktion in Deutschland
    Pkw-Produktion in Deutschland

    Weltweit trägt jeder fünfte Neuwagen das Logo einer deutschen Konzernmarke

    Von der soliden Marktentwicklung in China 2020 kann der Standort Deutschland nur eingeschränkt profitieren, weil nur fünf Prozent der dort von den deutschen Herstellern abgesetzten Fahrzeuge aus deutscher Produktion stammen, der Rest wird direkt in China gefertigt.

    Im globalen Länderranking kann Deutschland trotzdem den vierten Platz vor Mexiko und hinter China, den USA und Japan verteidigen. In Europa bleibt Deutschland mit deutlichem Abstand das wichtigste Produktionsland.

    2020 hat den europaweiten Durchbruch der Elektromobilität auch aufgrund anspruchsvoller CO₂-Ziele und staatlicher Förderung gebracht. Hier sind die deutschen Hersteller sehr gut aufgestellt, das unterstreichen die Produktionszahlen von 2020, die sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Es rollten 428.400 Pkw mit Elektromotor (inklusive Plug-ins) von den einheimischen Montagebändern, das entsprach nahezu einer Verdreifachung des Elektroanteils an der Gesamtproduktion von 4,2 Prozent auf 12,2 Prozent. Die Inlandsfertigung von rein elektrisch angetriebenen Pkw stieg um 111 Prozent auf 173.500 Fahrzeuge.

    Erstmals seit der Finanzkrise 2009 muss die deutsche Pkw-Auslandsproduktion 2020 mit einer Abnahme um 14 Prozent auf 9,8 Millionen Einheiten einen Rückschlag verzeichnen. Hierzu trugen vor allem der nahezu globale Produktionsstillstand aufgrund der Coronapandemie im April und der anschließende langsame Wiederhochlauf bei. In den letzten beiden Quartalen lag die Auslandsfertigung wieder auf dem Niveau von 2019, wodurch der Rückgang auf Jahresbasis gebremst werden konnte.

    Gleichzeitig ist die Weltproduktion um 16 Prozent rückläufig gewesen, die deutschen Auslandsstandorte haben sich im internationalen Vergleich gut behauptet. Weltweit trug wie schon im Jahr zuvor jeder fünfte Neuwagen das Firmenlogo einer deutschen Konzernmarke.

    Pandemie trifft Europa am härtesten – Asien mit wenig Einbußen

    Am stärksten betroffen war Europa, wo die Pkw-Auslandsproduktion der deutschen OEMs 2020 um 22 Prozent auf 3,1 Millionen Einheiten einbrach. Der entscheidende Grund hierfür war die Schwäche des europäischen Marktes (−24 Prozent) wegen der Pandemie, die in Europa neben dem Produktionsstillstand zu scharfen Gegenmaßnahmen wie zum Teil geschlossenem Autohandel und vorübergehend geschlossenen Grenzen geführt hatte. Im Ranking der EU-Auslandsstandorte konnte sich die Tschechische Republik mit 750.000 Pkw (−17 Prozent) vor Spanien mit 658.000 Einheiten (−28 Prozent) an die Spitze der Produktionsländer setzen. Ungarn schob sich mit 321.000 Pkw (−9 Prozent) dank attraktiver relativ neuer Modelle im Kompakt-SUV-Segment vor die Slowakei mit 309.000 Fahrzeugen (−18 Prozent).

    In Amerika liefen 1,6 Millionen Pkw (−15 Prozent) von den Montagebändern der deutschen Hersteller. Wichtigstes Produktionsland waren hier die USA, die ihr Fertigungsvolumen mit 742.000 Fahrzeugen (−4 Prozent) nahezu halten konnten. In Mexiko ging die Produktion um 17 Prozent auf 571.000 Stück zurück, im besonders stark von der Coronakrise betroffenen Brasilien war sogar ein Einbruch um 30 Prozent auf 306.000 Einheiten zu verzeichnen.

    Asien war mit einem Rückgang der Auslandsproduktion um sechs Prozent auf 4,9 Millionen Stück am wenigsten von der Krise berührt. Hier ist zuallererst China zu nennen, welches seine Stellung als wichtigster Auslandsstandort weiter ausbauen konnte. Mit 4,8 Millionen Pkw hatten die deutschen OEMs einen leichten Rückgang von fünf Prozent zu verzeichnen, gleichzeitig fiel die Pkw-Produktion insgesamt im Reich der Mitte jedoch um sieben Prozent. Auch hier galt somit, dass die deutschen Hersteller in einem schwierigen Umfeld gut bestehen konnten.

    Premium als Erfolgsfaktor

    Die Fertigung außerhalb Deutschlands hat sich seit 2009 mehr als verdoppelt, 2010 hat sie die Inlandsproduktion überholt. Die Coronakrise hat dazu geführt, dass inzwischen 74 Prozent aller Pkw deutscher OEMs im Ausland hergestellt werden. Ein wichtiger Erfolgsfaktor war die Ausrichtung auf Premiummodelle. Der Premiumanteil hat sich seit 2009 von 16 Prozent auf 44 Prozent deutlich erhöht. Die globale Aufstellung der deutschen OEMs manifestiert sich auch darin, dass sie inzwischen mit 4,3 Millionen Fahrzeugen etwa eine Million mehr Premium-Pkw im Ausland als am heimischen Standort fertigen.

    Pkw-Auslandsproduktion deutscher Konzernmarken
    Pkw-Auslandsproduktion deutscher Konzernmarken

    Arbeitskosten in der deutschen Automobilindustrie weltweit die höchsten

    Die hohe Qualität und zunehmende Komplexität moderner in Deutschland hergestellter Pkw durch ausgefeilte Abgasbehandlungs- und Assistenzsysteme haben ihren Preis. Hinzu kommt der Strukturwandel hin zur Elektromobilität, der in vollem Gange ist. Um für die hart umkämpften Fachkräfte attraktiv zu bleiben, müssen die Automobilunternehmen in Deutschland eine attraktive Entlohnung bieten.

    Auch 2020 wies Deutschland daher mit 56 Euro pro Stunde im internationalen Vergleich die höchsten Arbeitskosten in der Automobilindustrie auf. Mit einem Anstieg von zwei Prozent im letzten Jahr hat sich der Abstand zu Schweden, dessen Arbeitskosten nur um ein Prozent auf 44 Euro zunahmen, weiter vergrößert.

    In den letzten zehn Jahren wies im Euroraum nur die Slowakei (+85 Prozent) höhere Arbeitskostenzuwächse als Deutschland (+30 Prozent) auf. Allerdings liegen die Arbeitskosten in der Slowakei bei weniger als 30 Prozent vom deutschen Niveau. Der Druck auf die Inlandsproduktion, die von 2016 bis 2019 um nahezu ein Fünftel zurückgegangen ist, während gleichzeitig die Fertigung der deutschen OEMs im europäischen Ausland um 15 Prozent gestiegen ist, erhöht sich weiter.

    Arbeitskosten in der Automobilindustrie
    Arbeitskosten in der Automobilindustrie

    Osteuropäische Länder gleichen sich allmählich an

    Auf Platz drei des Rankings folgt Österreich mit 43 Euro vor Belgien mit 42 Euro. Belgien ist das einzige Euroland, in dem die Arbeitskosten seit 2010 konstant geblieben sind. An fünfter Stelle rangiert Frankreich mit 42 Euro (+2 Prozent). Danach folgen die Niederlande mit 39 Euro. In Großbritannien sind die Arbeitskosten 2020 wegen sinkender Arbeitsstunden aufgrund der Coronapandemie um 14 Prozent auf 37 Euro angestiegen. Die Arbeitskosten liegen allerdings immer noch unterhalb des Werts von 2015. Das Brexit-Referendum hatte 2016/17 zu einer deutlichen Pfund-Abwertung geführt.

    In Italien stiegen die Arbeitskosten 2020 um gut drei Prozent auf 31 Euro. Das war der zweite Anstieg um mehr als drei Prozent in Folge. Ähnlich ist die Lage in Spanien mit 27 Euro (+5 Prozent).

    Am unteren Ende der Personalkostentabelle rangieren osteuropäische Länder mit Arbeitskosten zwischen neun Euro (Rumänien) und 18 Euro (Slowenien). Diese aufstrebenden Automobilnationen haben seit 2010 hohe Zuwächse zwischen 36 Prozent (Slowenien) und 95 Prozent (Rumänien) zu verzeichnen gehabt, sodass sich das Arbeitskostenniveau sukzessive an das der anderen EU-Länder angleicht. In Portugal sind die Arbeitskosten 2020 um neun Prozent auf 16 Euro gestiegen und liegen jetzt wieder zwischen der Slowakei (15 Euro) und der Tschechischen Republik (17 Euro).

    Ansprechpartner

    Alexander Fritz

    Referent Automobilprognosen, Statistiken Produktion und Export, CO₂-Emissionen, Elektromobilität, Strukturanalysen

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