Sicherheit und Standards

Fahrzeugsicherheit: neue Euro-NCAP-Anforderungen

Das „European New Car Assessment Programme“ (Euro NCAP) ist ein verbraucherschutzorientiertes Programm zur Bewertung der Sicherheit von Pkw. Euro NCAP ermöglicht es, sich schnell und detailliert über die Fahrzeugsicherheit zu informieren.

Das European New Car Assessment Programme (Euro NCAP) ist ein verbraucherschutzorientiertes Programm zur Bewertung der Sicherheit von Personenkraftwagen. Es wird von einem Konsortium europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs, Versicherungsverbände und Forschungsinstitute getragen. Seit 1997 hat sich Euro NCAP für Hersteller und Verbraucher zum wesentlichen Bewertungsmaßstab für Fahrzeugsicherheit entwickelt. Heute beteiligen sich zwölf Institutionen aus acht europäischen Staaten an dem Programm. Fast alle neuen Fahrzeuge werden nach Euro NCAP auf ihre passive und aktive Sicherheit getestet und bewertet. Die Ergebnisse werden veröffentlicht und ermöglichen es den Autokäufern, sich schnell und umfassend über die Fahrzeugsicherheit eines Autos zu informieren. 

Die Testanforderungen, um die maximale Punktzahl zu erreichen, wurden in den letzten Jahren schrittweise geändert. Seit 2014 müssen die Fahrzeughersteller in besonders vielen Bereichen wesentliche neue Anforderungen erfüllen, um die Bestnote (5 Sterne) zu erreichen. Vor allem wurden die vier Kategorien neu gewichtet. Der Erwachseneninsassenschutz ging bisher zu 50 Prozent in die Bewertung ein. Kindersicherheit und Fußgängerschutz hatten jeweils einen Anteil von 20 Prozent. Fahrerassistenzsysteme gingen bisher nur zu 10 Prozent in die Gesamtbewertung ein. Seit 2014 werden die aktiv unterstützenden Sicherheitssysteme nun doppelt so stark berücksichtigt, nämlich mit 20 Prozent. Damit folgt Euro NCAP der allgemeinen Entwicklung, dass neue Systeme, die Insassen und Fußgänger aktiv schützen, immer wichtiger werden. 

Die Integration von Systemen der aktiven und passiven Sicherheit in einem Fahrzeug wird künftig dazu führen, dass Unfälle immer häufiger vermieden oder abgemildert werden können. Ein aktiver Brems- oder Lenkeingriff kann beispielsweise die Kollisionsgeschwindigkeit reduzieren und so die Unfallschwere mindern. Daher ist es folgerichtig, dass Euro NCAP diese technologischen Entwicklungen stärker berücksichtigt.

Darüber hinaus wurden die bestehenden Anforderungen zur passiven Sicherheit kontinuierlich überarbeitet. Beim Erwachseneninsassenschutz, bei der Kindersicherheit und dem Fußgängerschutz kam es seit 2015 zu deutlichen Programmänderungen, auf die die Hersteller und Zulieferer mit neuen technologischen Lösungen reagieren. 

So soll der Schutz von Insassen mit unterschiedlichem Alter und verschiedenen Körpergrößen im Zusammenspiel mit den Rückhaltesystemen bei einem Frontalaufprall besser bewertet werden. Dazu wurde 2015 ein neuer Crashtest eingeführt. Bei diesem Test wird ein Frontalaufprall eines Fahrzeugs gegen ein starres Hindernis bei 50 km/h durchgeführt. Bisher wurde nur das Schutzniveau für einen durchschnittlichen Erwachsenen bewertet – und zwar mithilfe eines sogenannten 50-Prozent-Dummys. Künftig wird zusätzlich der Schutz für kleine, leichte Fondspassagiere bewertet (sogenannter 5-Prozent-Dummy). Außerdem wird ermittelt, wie gut ein kleiner, leichter Insasse auf dem Beifahrersitz geschützt ist. Die neuen Anforderungen zielen im Ergebnis vor allem auf die Verbesserung der Rückhaltesysteme für kleine Insassen. 

Um das Schutzpotenzial von Fahrzeugen bei seitlichen Kollisionen zu ermitteln, werden derzeit zwei verschiedene Crashtests angewendet. So wird der Aufprall einer fahrbaren Barriere mit einem Deformationselement bei 50 km/h auf die Fahrzeugseite nachgestellt. 

Außerdem wird ein seitlicher Pfahlaufprall bei 29 km/h getestet. Beide Tests sind seit 2015 noch anspruchsvoller. Bei der fahrbaren Barriere wird nun ein deutlich größeres Deformationselement verwendet, die Barriere selbst ist mit 1.300 kg deutlich schwerer als bisher. Beim Pfahlaufprall beträgt der Aufprallwinkel nun 75 Grad statt 90 Grad, die Kollisionsgeschwindigkeit wurde auf 32 km/h erhöht. Damit steigen insgesamt die Anforderungen an den Seitenaufprallschutz. Die Hersteller reagieren darauf mit noch umfangreicheren Schutzmaßnahmen, steiferen Karosseriebauteilen sowie zusätzlichen Kopfairbags. 

Für die Kindersicherheit beim Frontal- und Seitenaufprall gelten seit 2016 neue Kriterien. Bisher verwendete Dummys werden durch neue ersetzt, bei denen mögliche Verletzungsrisiken noch genauer erfasst werden können. Außerdem werden Dummys in neuen Größen getestet. Beim Frontal- und Seitenaufprall wurden bisher Dummys in Kindersitzen verwendet, die ein eineinhalbjähriges und ein dreijähriges Kind darstellen. Künftig werden Prüfkörper eingesetzt, die Kinder im Alter von sechs bzw. zehn Jahren repräsentieren. Dieser Wechsel der Dummys führt dazu, dass nicht mehr nur die Sicherheit von Kindern in Kindersitzen im Fokus steht. Zusätzlich müssen auch Insassenrückhaltesysteme des Fahrzeugs selbst, vor allem Gurte, noch besser auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt werden. Zusätzlich wird bewertet, wie gut Kindersitze im Fahrzeug installiert werden können. Dabei sind möglichst einfache, kundengerechte Lösungen als Ziel definiert. Hintergrund dieser neuen Anforderung ist, dass Kinder derzeit noch zu oft nicht korrekt in Kindersitzen gesichert werden, die dadurch bei einem Unfall nicht ihre volle Wirkung entfalten können. 

Bei der Bewertung des Fußgängerschutzes werden seit Kurzem neue Beinprüfkörper eingesetzt, die die physische Beschaffenheit und Verletzbarkeit des menschlichen Beins noch genauer wiedergeben. Damit wird noch mehr Augenmerk auf den Schutz vor übermäßigen Bänderdehnungen und Biegungen im Kniebereich gelegt. Die Hersteller berücksichtigen dies vor allem bei der Konstruktion des Frontbereichs neuer Fahrzeuge. Für die Bewertung eines Kopfanpralls werden verschiedene Messpunkte auf der Motorhaube, der A-Säule und der Windschutzscheibe berücksichtigt. Um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden, nutzen die Hersteller verschiedene konstruktive Lösungen, zum Beispiel Außenairbags, aufstellbare Motorhauben oder mehr freie Deformationsräume unter der Motorhaube. 

Bisher wurden von Euro NCAP nur wenige unterstützende Sicherheitssysteme bewertet, unter anderem Gurtwarner und elektronische Stabilitätsprogramme. Seit 2014 werden zusätzlich automatische Notbremssysteme (AEBS) untersucht und bewertet. Notbremssysteme für den Stadtverkehr werden unterhalb von 50 km/h getestet und müssen gegenüber stehenden Fahrzeugen automatisch bremsen können. Notbremssysteme für Fernstraßen werden in Szenarien geprüft, in denen ein Fahrzeug dicht auf ein langsameres oder bremsendes Fahrzeug auffährt und ohne Fahrereingriff bremsen muss. Seit 2016 wird zusätzlich getestet, wie Notbremssysteme gegenüber Fußgängern reagieren. Die Ergebnisse der sogenannten AEB-Systeme für ungeschützte Verkehrsteilnehmer werden dann dem Fußgängerschutz zugeordnet. 

Diese aktiven Sicherheitssysteme müssen künftig grundsätzlich im Fahrzeug vorhanden sein, um weiterhin die Maximalbewertung von 5 Sternen bei einem Euro-NCAP-Test zu erzielen. Damit sind in den letzten Jahren sehr umfassende Änderungen im Gesamtbewertungssystem umgesetzt worden. Bis zum Jahr 2020 werden die Anforderungen in nahezu allen Disziplinen – Frontalaufprall, Seitenaufprall, aktive Sicherheitssysteme – weiterentwickelt.

Dr. Sascha Pfeifer Referent - Abteilung Technik
Behrenstraße 35
10117 Berlin
Tel: +49-30-897842-286 Fax: +49-30-897842-606
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