Sicherheit und Standards

Barrierefreiheit Fernlinienbusse

Mit der Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs in Deutschland seit 1. Januar
2013 hat sich der Markt rasant entwickelt. Durch die Änderung des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) werden mobilitätseingeschränkte Personen Zugang zum Fernlinienbus bekommen.

Barrierefreiheit in Fernlinienbussen

Mit der Liberalisierung des Fernbuslinienverkehrs in Deutschland seit 1. Januar 2013 hat sich der Markt rasant entwickelt. Mit der Änderung des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG) war den Beteiligten wichtig, dass auch mobilitätseingeschränkte Personen Zugang zu diesem neuen Beförderungsmittel haben können. Im Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) ist in § 4 beschrieben, was barrierefrei bedeutet: „Barrierefrei sind … Verkehrsmittel …, wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ In § 8 wird festgelegt: „… Beförderungsmittel im öffentlichen Personenverkehr sind nach Maßgabe der einschlägigen Rechtsvorschriften des Bundes barrierefrei zu gestalten.“ Grundsätzlich müssen also alle Verkehrsmittel von behinderten Menschen genutzt werden können. Es darf keine Benachteiligung gegenüber anderen Fahrgästen geben. Unter § 42b Technische Anforderungen wurde festgelegt: „… Kraftomnibusse, die im Personenfernverkehr eingesetzt werden, müssen den Vorschriften des Anhangs VII der Richtlinie 2001/85/EG des Europäischen Parlaments … entsprechen und mit mindestens zwei Stellplätzen für Rollstuhlnutzer ausgerüstet sein.“ Ferner heißt es in § 62: „… gilt ab dem 1. Januar 2016 für Kraftomnibusse, die erstmals zum Verkehr zugelassen werden, und nach Ablauf des 31. Dezember 2019 für alle Kraftomnibusse.“

Unter Einhaltung der Übergangsbestimmungen muss also zukünftig die sichere Mitnahme von mindestens zwei Fahrgästen im Rollstuhl in jedem Fernlinienbus ermöglicht werden. Dies wirft für Betreiber und Omnibushersteller die Frage nach der Umsetzung dieser Anforderung auf. Der Verweis auf den Anhang VII der Richtlinie über Vorschriften für Fahrzeuge zur Personenbeförderung mit mehr als acht Sitzplätzen außer dem Fahrersitz (2001/85/EG) im Personenbeförderungsgesetz zeigt den Weg dazu auf. Diese Richtlinie wurde im November 2014 mit der Umsetzung der General Safety Regulation (EC/661/2009) durch die UN-Regelung 107 über einheitliche Bedingungen für die Genehmigung von Fahrzeugen der Klassen M2 und M3 hinsichtlich ihrer allgemeinen Konstruktionsmerkmale ersetzt. In der UN R107 wurde vor geraumer Zeit der Anhang 8 über Vorschriften für technische Einrichtungen für Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität eingefügt. Dieser Anhang bildet die Basis für die Typgenehmigung von konstruktiven Einbauten im Omnibus, um die Anforderungen des Personenbeförderungsgesetzes umzusetzen.

Die UN R107 ist im Gegensatz zur europäischen Vorschrift im Laufe der letzten zehn Jahre fortgeschrieben worden und wird international in allen Staaten Europas, in Russland, Weißrussland, Kasachstan, Aserbaidschan, Tunesien, Ägypten, Malaysia und in der Türkei anerkannt. Die gegenseitige Anerkennung von typgenehmigten Omnibussen auf der UN R107 schafft die Rechtssicherheit für den Verkauf und die Zulassung dieser Fahrzeuge in den Unterzeichnerstaaten. Damit kann der Omnibushersteller bei der Typgenehmigung auf die Einhaltung von Vorschriften verweisen, die überall dieselben sind. Für den Betreiber von Omnibussen bietet sich der Vorteil, Fahrzeuge aus den verschiedenen Staaten zu erwerben und sie entsprechend in den Verkehr zu bringen, ohne Abstriche hinsichtlich des Sicherheitsniveaus zu machen.

Da Rollstühle in der Regel mit Gurten gesichert werden, beziehen sich die Prüfvorschriften auch auf die Gurtbänder und Gurtverankerungspunkte. Da viele Rollstühle individuelle Anpassungen erfahren, ist nicht immer vom Vorhandensein normierter Schnittstellen zur Befestigung der Fahrzeuggurte auszugehen.
Um dem Begleitpersonal oder dem Fahrer die sichere Befestigung des Rollstuhls mit den Fahrzeugrückhaltesystemen zu ermöglichen, wäre eine Normierung der rollstuhlseitigen Schnittstelle wünschenswert.

Ebenso sollte der Rollstuhlnutzer wissen, inwieweit sein Rollstuhl für den Transport in Verkehrsmitteln geeignet ist. Dabei sollte auch bewusst berücksichtigt werden, dass bei einem Unfall erhebliche Kräfte auf den Rollstuhl und die Befestigungsvorrichtungen wirken und ein strukturelles Versagen des Rollstuhls vermieden werden muss. Eine einheitliche Kennzeichnung von Rollstühlen ist somit ausdrücklich zu begrüßen.




Um die Person im Rollstuhl mit dem Bus befördern zu können, gibt es verschiedene Einstiegshilfen. Prinzipiell lassen sich drei verschiedene konstruktive Möglichkeiten umsetzen, die einzeln oder in Kombination den sicheren Ein- und Ausstieg gewährleisten: die Absenkvorrichtung, die Rampe und die Hubvorrichtung. Die Absenkvorrichtung ermöglicht das einseitige Absenken des gesamten Busses – diese Funktion ist insbesondere in Stadtbussen vorzufinden. Sie ermöglicht zusammen mit einer Rollstuhlrampe an Haltestellen mit Bordstein einen schwellenfreien Zugang, sofern es sich um einen Niederflurbus handelt.

Ein Forschungsprojekt zu diesem Thema wurde von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) durchgeführt. Das Projekt „Barrierefreiheit bei Fernlinienbussen“ wurde Ende 2013 begonnen und war zweiteilig angelegt. In einem ersten Schritt sollte bis Mitte 2014 der Sachverhalt Barrierefreiheit im Zusammenhang mit der Nutzung des Omnibusses im Personenfernverkehr näher untersucht werden. Es sollte die Erwartungshaltung aller Beteiligten (Fahrzeughersteller, Betreiber und Fahrgäste) analysiert und eine Prognose für die zukünftige Nutzung erstellt werden. Ein Auftaktworkshop dazu fand Anfang 2014 statt. Im zweiten Projektteil wurde der Ist-Zustand für technische Systeme dargestellt und Empfehlungen für Maßnahmen zur Gestaltung des Umfelds für den Transport mobilitätseingeschränkter Personen erarbeitet und mit Blick auf eine mögliche Anpassung des Regel- oder Normenwerks Vorschläge beschrieben. Das Projekt wurde Mitte 2015 beendet.

Im Fernlinienverkehr sind in der Regel sogenannte Hochdecker oder Doppeldeckerbusse im Einsatz. Im Hochdecker muss der Zugang durch eine Hubvorrichtung erfolgen. Beim Doppeldecker ist aufgrund des niederflurigen Unterdecks lediglich eine Rampe erforderlich. Die Bedienung der Rampe gestaltet sich unkompliziert, sie kann unter Einhaltung des maximalen Neigungswinkels (maximal 12 Prozent bei Vorhandensein eines Bordstein oder 36 Prozent ohne Bordstein) genutzt werden. Die Hubvorrichtung, die bei Hochdeckerbussen Anwendung findet, erlaubt das Anheben des Rollstuhls auf das Niveau des Fahrgastinnenraums. Der Einstieg erfolgt in der Regel durch eine separate Tür. Die Hubvorrichtung wird fest mit dem Fahrzeug verbaut und kann im Unterdeck (Aggregate- oder Gepäckabteil) verstaut werden. Beide Vorrichtungen werden fremdbedient, die mobilitätseingeschränkte Person kann über Kommunikationseinrichtungen an der Außenseite des Omnibusses mit dem Fahrer in Kontakt treten. Im normalen Betriebsablauf ist davon auszugehen, dass der Omnibusfahrer für die Gepäckausgabe verantwortlich ist und deshalb den Rollstuhlfahrer schon außerhalb des Busses empfangen kann.

Neben der Mitnahme von Personen im Rollstuhl gibt es weitere Merkmale, die die Barrierefreiheit beschreiben. Dazu zählt die Beachtung von Anforderungen zum Transport sehbehinderter Personen. Aus der Regelung 107 können konstruktive Maßnahmen zur Wegeleitung dieser Fahrgäste zu ihrem Sitzplatz abgeleitet werden. Haltestangen und Türbetätigungseinrichtungen sollen zum Beispiel kontrastfarbig gestaltet werden. Darüber hinaus können Omnibushersteller Sitzplätze mit Braille- oder Profilschrift kennzeichnen. Die Erfahrungen der nächsten Jahre werden zeigen, ob die Inhalte der UN R107 praxisgerecht umsetzbar sind und inwieweit mögliche Änderungen in die internationalen Diskussionsforen eingebracht werden müssen.

Unter Leitung des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter e.V. (BSK) wurde in einer Steuerungsgruppe ein Lastenheft für einen barrierefreien Fernbusverkehr erarbeitet. In der Steuerungsgruppe hatten sich verschiedene Betreiber-, Hersteller- und Behindertenverbände zusammengefunden. Das Lastenheft berücksichtigt Aspekte der technischen Machbarkeit sowie die Interessen des Fahrers und des mobilitätseingeschränkten Fahrgasts. Der VDA unterstützte diese Arbeit aktiv unter Einbringung seiner technischen Expertise für die Gestaltung von Omnibussen.

Dr. Sascha Pfeifer Referent - Abteilung Technik
Behrenstraße 35
10117 Berlin
Tel: +49-30-897842-286 Fax: +49-30-897842-606
Nach oben springen