Sicherheit und Standards

Evolution NCAP

Das „European New Car Assessment Programme“ (Euro NCAP) ist ein verbraucherschutzorientiertes Programm zur Bewertung der Sicherheit von Pkw. Euro NCAP ermöglicht es, sich schnell und detailliert über die Fahrzeugsicherheit zu informieren.

Evolution von Euro NCAP und anderen
NCAP-Initiativen weltweit

Das „European New Car Assessment Programme“ (Euro NCAP) ist ein verbraucherschutzorientiertes Programm zur Bewertung der Sicherheit von Pkw. Euro NCAP ermöglicht es, sich schnell und detailliert über die Fahrzeugsicherheit zu informieren. Dieses Programm wird von einem Konsortium europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs, Versicherungsverbänden und Forschungsinstituten in Zusammenarbeit mit verschiedenen Testlaboren durchgeführt. Heute beteiligen sich zwölf Institutionen aus acht europäischen Staaten daran. Regelmäßig werden neue Fahrzeuge nach ihrer passiven und aktiven Sicherheit bewertet. Die Ergebnisse werden veröffentlicht.

Zukünftige Euro-NCAP-Anforderungen

Die Testanforderungen für das Erlangen der maximalen Punktzahl wurden in den letzten Jahren mehrfach geändert. Ab 2014 werden die Fahrzeughersteller in vielen Bereichen mit neuen Anforderungen konfrontiert und müssen zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um weiterhin Bestnoten (5 Sterne) zu erreichen. Setzte sich die Gesamtwertung bisher aus den vier Kategorien Erwachsenen-Insassenschutz, Kindersicherheit, Fußgängerschutz und Fahrerassistenz/Sicherheitsunterstützung mit der Gewichtung (in Prozent) 50 : 20 : 20 : 10 zusammen, verschiebt sie sich in Zukunft zugunsten der Bewertung der aktiv unterstützenden Sicherheitssysteme (20 Prozent). Damit folgt Euro NCAP der allgemeinen Entwicklung im Bereich der Fahrzeugsicherheit und lenkt einen Teil der Bewertung auf neue aktive Systeme zum Schutz der Insassen und der Fußgänger.

Die Integration von Systemen der aktiven und passiven Sicherheit in einem Fahrzeug wird zukünftig vermehrt zur Vermeidung von Unfällen beitragen. Ein aktiver Brems- und/oder Lenkeingriff kann beispielsweise die Kollisionsgeschwindigkeit reduzieren und so die Unfallschwere mindern. Daher ist es folgerichtig, dass Euro NCAP diese technologischen Entwicklungen in der Bewertung berücksichtigt. Gleichzeitig wurden aber auch die bestehenden Anforderungen zur passiven Sicherheit kontinuierlich überarbeitet. Dies betrifft den Erwachsenen-Insassenschutz, die Kindersicherheit und den Fußgängerschutz. In diesen drei Bereichen wird es ab 2015 zu deutlichen Programmänderungen kommen, an deren technologischer Umsetzung die Fahrzeughersteller schon heute arbeiten.

Erwachsenen-Insassenschutz im Frontalaufprall

Um bei einem Frontalaufprall den Schutz von Insassen verschiedener Größen und Altersklassen im Zusammenwirken mit den Rückhaltesystemen besser bewerten zu können, wird ein neuer Crashtest eingeführt. Bei diesem Test, der ab 2015 bei ersten Fahrzeugen zur Anwendung kommen wird, handelt es sich um einen Frontalaufprall des Fahrzeugs mit voller Überdeckung und einer Kollisionsgeschwindigkeit von 50 km/h gegen ein starres Hindernis. Erstmals wird neben dem 50-Prozent-Dummy (ca. 80 Kilogramm) auch ein (leichterer) 5-Prozent-Dummy bewertet, der auf der Rücksitzbank platziert wird. Ein zweiter 5-Prozent-Dummy kann ohne Einfluss auf die Bewertung auf den Beifahrerplatz gesetzt werden. Alternativ kann der Fahrzeughersteller für die Sitzposition dieses Dummys Messdaten aus internen Tests zur Verfügung stellen.

Erwachsenen-Insassenschutz im Seitenaufprall

Gegenwärtig werden zwei verschiedene Tests zur Bewertung des Schutzniveaus von Fahrzeugen bei seitlichen Kollisionen durchgeführt. Zum einen wird der Aufprall einer fahrbaren Barriere mit einem Deformationselement und einer Geschwindigkeit von 50 km/h auf die Fahrzeugseite untersucht. Zum anderen wird der seitliche Pfahlaufprall mit einer Kollisionsgeschwindigkeit von 29 km/h bewertet. Bei beiden Tests werden ab 2015 mehrere Parameter verändert. Die fahrbare Barriere wird in Zukunft mit einem neuen, deutlich größeren Deformationselement ausgerüstet. Zugleich wird die Barriere mit 1.300 Kilogramm erheblich schwerer sein als bisher. Beim Pfahlaufprall soll in Zukunft der Aufprallwinkel 75 Grad statt wie bisher 90 Grad betragen. Die Kollisionsgeschwindigkeit wird hier geringfügig auf 32 km/h erhöht. In beiden Testvarianten soll der 50-Prozent-WorldSID den bisherigen Dummy (ES-2) ersetzen. Die Testkonfiguration des Pfahlaufpralls wird sich nach den gesetzlichen Vorgaben der Global Technical Regulation 14 richten.

Kindersicherheit

Zur Bewertung der Kindersicherheit beim Frontal- und beim Seitenaufprall werden zukünftig neue Dummys eingesetzt. Die bisher verwendete P-Serie wurde 2013 durch die Q-Serie ersetzt. Des Weiteren hat sich das Euro-NCAP-Konsortium entschlossen, andere Dummygrößen zu testen. Wurde beim Frontal- und Seitenaufprall bisher das Äquivalent eines eineinhalb- und eines dreijährigen Kindes getestet, wird ab 2016 ein Q-Dummy der Altersklasse von 6 bzw. 10 Jahren bewertet. Dieser Wechsel der Dummygrößen soll den zukünftigen Fokus der Bewertung auf die Standard-Insassenrückhaltesysteme des Fahrzeugs legen. Denn im letzten Jahr sind die gesetzlichenAnforderungen für Kinderrückhaltesysteme deutlich erweitert worden. Im Euro-NCAP- Test wird seit 2013 auch die Kindersitzinstallation im Fahrzeug bewertet. Dabei wurde eine möglichst einfache und kundengerechte Lösung als Zielstellung definiert. Damit trägt der Test der Tatsache Rechnung, dass im Straßenverkehr viele Kinder nicht korrekt gesichert werden und die Kinderrückhaltesysteme dadurch bei einem Unfall nicht ihre volle Wirkung entfalten können.

Fußgängerschutz

Die Bewertung des Fußgängerschutzes wird zukünftig mit einem neuen Beinprüfkörper, dem Flexible Pedestrian Legform Impactor (Flex-PLI), erfolgen. Der bisher verwendete Prüfkörper (EEVC-Leg) ist durch eine biofidelere Neukonstruktion ersetzt worden. Das Augenmerk der neuen Schutzkriterien liegt auf der besseren Bewertbarkeit der zulässigen Bänderdehnungen im Kniebereich. Die Aufprallgeschwindigkeit des Prüfkörpers wird unverändert 40 km/h betragen. Die Bewertung beim Kopfanprall erfolgt nach einem Auswahlverfahren, das eine Vielzahl verschiedener Messpunkte auf der Motorhaube, der A-Säule und der Windschutzscheibe beinhaltet. Der Hersteller muss eine Ergebnisprognose für die Messpunkte benennen. Euro NCAP überprüft von jenen Messpunkten zehn zufällig ausgewählte Punkte und bis zu zehn weitere Punkte nach Wahl des Herstellers. Beträgt die Abweichung bei der Überprüfung durch Euro NCAP mehr als 10 Prozent, wird die ursprüngliche Ergebnisprognose des Herstellers korrigiert. Der Beinanprall wird zukünftig in einem vergleichbaren Verfahren bewertet.

Aktive unterstützende Sicherheitssysteme

Bisher wurden nur drei Systeme in dieser Kategorie bewertet: intelligente Anschnallerinnerungen, elektronische Fahrdynamikregelungssysteme und verschiedeneAusprägungen von Geschwindigkeitsbegrenzern. Seit 2014 werden automatische Notbremssysteme (Autonomous Emergency Braking Systems, AEBS) in zwei unterschiedlichen Ausprägungen untersucht und bewertet. AEB City wird in Geschwindigkeitsbereichen unterhalb von 50 km/h getestet. Dabei wird die automatischeBremsfunktion gegenüber einem stehenden Fahrzeug beurteilt. Interurban-AEB-Systeme werden hingegen in Szenarien bewertet, bei denen ein Fahrzeug dicht auf einen langsameren oder bremsenden Vordermann auffährt und die Geschwindigkeitsreduzierung ohne Fahrereingriff erfolgen muss. Ab 2016 sollen AEB-Systeme auch hinsichtlich ihrer autonomen Bremswirkung gegenüber Fußgängern bewertet werden. Die sogenannten AEB-Systeme für ungeschützte Verkehrsteilnehmer werden dann dem Fußgängerschutz zugeordnet. Generell werden diese aktiven Systeme – unter Berücksichtigung vorgegebener Ausstattungsraten – im Fahrzeug vorhanden sein müssen, um weiterhin die Maximalbewertung von 5 Sternen bei einem Euro-NCAP- Test erzielen zu können. Damit sind insbesondere im Zeitraum von 2013 bis 2016 sehr umfassende Änderungen der Tests zu berücksichtigen, die dem Gesamtbewertungssystem zugrunde liegen.

Dual-Rating

Euro NCAP plant eine Erweiterung des vorhandenen Bewertungssystems ab dem Jahr 2016. Bisher wird ein Auto, das in einem der EU-28-Staaten angeboten wird, aufgrund seiner Grundausstattung getestet und bewertet. Die entsprechenden Ausstattungsdetails müssen dabei in allen Verkaufsstaaten der EU identisch sein. Mit dem Dual-Rating soll eine zweite Wertung eingeführt werden, in der optional erhältliche Sicherheitssysteme bewertet werden. Da die Kaufkraft in den Märkten Europas momentan unterschiedlich ausgeprägt ist, wird nicht jeder Fahrzeughersteller jedes Modell in der Grundausstattung auf das Erreichen der Maximalpunktzahl optimieren können. Daher ist die Bewertung eines frei verfügbaren Sicherheitspakets, das für alle Modell- und Motorvarianten zu haben ist, vorgesehen. Der Hersteller muss dann allerdings nachweisen, dass ein steigender Prozentsatz der neu zugelassenen Fahrzeuge mit diesem Paket ausgestattet wird.

Andere Fahrzeugbewertungsprogramme

Euro NCAP ist eines von gegenwärtig insgesamt zehn Fahrzeugbewertungsprogrammen weltweit. Neben Europa werden Fahrzeuge auch in Nord- und Südamerika, China, Südkorea, Japan, Australien und Malaysia für die Bereitstellung von Verbraucherschutzinformationen getestet. Zusätzlich wurden Ende 2013 erste Fahrzeuge desindischen Marktes bewertet. Einige Programme (Südamerika – Latin NCAP, Indien – Global NCAP und Malaysia – ASEAN NCAP) gibt es erst seit wenigen Jahren. Die NCAP-Testverfahren und -Bewertungsmethoden sind weltweit nicht einheitlich und es gibt gegenwärtig kaum Tendenzen, sich auf einheitliche Testprotokolle einigen zu können. Stattdessen werden neue Verfahren in den jeweiligen Regionen meist ohne Absprache mit den NCAP-Konsortien anderer Regionen eingeführt. Eine länderübergreifende Vergleichbarkeit der Bewertungsergebnisse (Sterne-Wertung) ist damit in den meisten Fällen nicht gegeben. Zudem wird bei der schnellen Einführung von Fahrzeugbewertungsprogrammen in Schwellenländern außer Acht gelassen, dass diese Staaten meist auch nur wenige oder gar keine gesetzlichen Anforderungen hinsichtlich der Ausrüstung von Fahrzeugen mit Insassenschutzsystemen definiert haben. Deswegen ist die Lücke zwischen gesetzlicher Vorgabe und Verbraucherschutz in jenen Ländern deutlich größer als in Europa oder Nordamerika. Nichtsdestotrotz stellen diese Bewertungsprogramme weltweit einen großen Ansporn für die Automobilindustrie dar. Es liegt im Interesse aller Beteiligten, die Straßenverkehrssicherheit gerade auch in Ländern mit wachsender Individualmobilität zu erhöhen und die Anzahl der im Straßenverkehr Getöteten und Verletzten überall zu verringern.

Dr. Sascha Pfeifer Referent - Abteilung Technik
Behrenstraße 35
10117 Berlin
Tel: +49-30-897842-286 Fax: +49-30-897842-606
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