Sicherheit und Standards

Verbesserung des Fußgängerschutzes

Die Fußgängerschutzanforderungen entwicklen sich stetig weiter.

Die Europäische Kommission hat sich bis 2020 ein ambitioniertes Ziel zur weiteren Reduzierung der Anzahl der im Straßenverkehr getöteten Personen gesetzt. Im Zeitraum von 2011 bis 2020 soll sich die Zahl von ca. 30.000 um die Hälfte verringern. Die EU-Kommission unterstützt deshalb internationale und nationale Initiativen, die Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur, zur Schulung von Verkehrsteilnehmern und zur Definition technischer Anforderungen an die Fahrzeugsicherheit vorsehen.

In Europa sind nahezu ein Viertel aller tödlich verletzten Verkehrsteilnehmer Fußgänger. Im innerstädtischen Bereich ist es sogar fast ein Drittel. Diese Tatsache hatte das EEVC (European Enhanced Vehicle-safety Committee) zum Anlass genommen, um im Bereich der Fahrzeugtechnik umfangreiche Forschungen zum Fußgängerschutz durchzuführen. In den Arbeitsgruppen von EEVC wurden dazu verschiedene Testverfahren entwickelt, die einen Einfluss auf die Konstruktion von Kraftfahrzeugen haben. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden von der EU-Kommission aufgegriffen und bildeten die Grundlage für eine gesetzliche Regelung zum Fußgängerschutz im Rahmen der Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen. In der sogenannten Phase I wurden ab 2005 ein Kopfaufprall auf die Motorhaube, ein Anprall eines Beinprüfkörpers gegen den Stoßfänger und der Anprall eines Hüftprüfkörpers gegen den Stoßfänger gesetzlich vorgeschrieben. Der simulierte Kopfaufprall muss mit zwei verschiedenen Prüfkörpern durchgeführt werden, die der Masse eines Erwachsenenkopfes und der eines Kinderkopfes entsprechen. Um die vorgeschriebenen Grenzwerte in den verschiedenen Prüfprozeduren einzuhalten, müssen die Fahrzeughersteller eine ausreichende Energieaufnahme beim Prüfkörperanprall sicherstellen. Dies führte zu veränderten Vorbaustrukturen und neuen Konstruktionen der Motorhauben mit stoßabsorbierenden Eigenschaften. Inzwischen sind Motorhauben mit absorbierend wirkenden Strukturen, aktiv aufstellbare Motorhauben, Motorhauben aus Leichtmetall und spezielle Fußgängerschutz-Airbags verfügbar.

Diese Maßnahmen trugen in den Jahren 2005 bis 2012 in Europa zu einer Reduzierung der Zahl der tödlich verletzten Fußgänger um ca. 25 Prozent bei. Ähnlich positive Trends konnten auch in Japan, Australien und Kanada festgestellt werden. Um die Gesetzgebung weltweit zu harmonisieren, wurde 2009 unter dem Dach der UNECE basierend auf der europäischen Rechtsvorschrift eine Globale Technische Regelung (GTR 9) geschaffen. Die GTR9 wurde bisher von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, Russland, Korea und Japan in nationales Recht umgesetzt. Die GTR 9 untergliedert sich in eine Phase I und eine Phase II. Die Phase I orientiert sich an aktuellen europäischen Rechtsvorschriften und verlangt die Nutzung des EEVC-Beinprüfkörpers zur Bewertung des Verletzungsrisikos von Oberschenkel, Unterschenkel und Knie.

Die technische Entwicklung des Beinprüfkörpers wurde in den letzten Jahren insbesondere von Japan vorangetrieben. Japan hatte seit dem Jahr 2000 an einem neuen Prüfkörper (Flexible Pedestrian Legform Impactor, FlexPLI) gearbeitet, der inzwischen die Serienreife erreicht hat und als neuer Prüfkörper für die GTR-9-Phase II definiert wurde. In einer informellen Arbeitsgruppe unterhalb der UNECE wurden die regulatorischen Voraussetzungen für die Aufnahme des Prüfkörpers ins Gesetz geschaffen. Parallel wurde eine neue UN-Regelung 127 in Anlehnung an die GTR-9-Phase I und -Phase II geschaffen, um die gegenseitige Anerkennung von Typgenehmigungen zum Fußgängerschutz in den Staaten, die das Abkommen von 1958 gezeichnet haben, zu gewährleisten.

Der neue flexible Beinprüfkörper FlexPLI wird zukünftig auch bei Euro NCAP zur Anwendung kommen und in anderen Verbraucherschutzprogrammen weltweit den bisherigen EEVC-Beinprüfkörper ablösen. Gleichzeitig werden verschiedene Staaten ihre gesetzlichen Vorschriften zum Fußgängerschutz anpassen und ab 2015 die Nutzung des neuen Prüfkörpers zulassen sowie spätestens ab 2018 den neuen flexiblen Prüfkörper für neue Typgenehmigungen verpflichtend fordern.

Parallel zur Umsetzung der Maßnahmen zur Verbesserung der passiven Sicherheit wird in den Fahrzeugen vermehrt eine Vielzahl von aktiven Systemen zur Unfallvermeidung eingebaut. Die zunehmende Verbreitung von Systemen zur Beeinflussung der Längs- und Querdynamik (zum Beispiel automatische Notbremssysteme, Kreuzungsassistenten und Spurwechselassistenten) wird sich auch in der Verbesserung des Fußgängerschutzes bemerkbar machen. Gleichzeitig müssen Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Infrastruktur ergriffen werden. Beispiele hierfür sind Vorrangschaltungen für Fußgänger an Kreuzungen, Lichtsignalanlagen oder Querungshilfen an breiten Straßenübergängen und beleuchtete Fußgängerüberwege.

Dr. Sascha Pfeifer Referent - Abteilung Technik
Behrenstraße 35
10117 Berlin
Tel: +49-30-897842-286 Fax: +49-30-897842-606
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