Brexit

Am 29. März 2017 hat erstmals in der Geschichte der Europäischen Union ein Mitgliedsstaat seinen Austritt aus dem Staatenverbund erklärt. Zuvor hatten die britischen Wähler in einem Referendum im Juni 2016 mit knapper Mehrheit für den Brexit, also für den Austritt Großbritanniens aus der EU, votiert. Durch die Mitteilung vom März 2017 hat die britische Regierung den Europäischen Rat formal über das Austrittsvorhaben informiert und damit das Verfahren nach Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union in Gang gesetzt. Danach muss ein Austrittsabkommen innerhalb von zwei Jahren nach der Mitteilung verhandelt und ratifiziert werden. Diese Frist kann der Rat im Einvernehmen mit dem betroffenen Mitgliedsstaat einstimmig auf unbestimmte Zeit verlängern.

Die Staats- und Regierungschefs der EU haben die Europäische Kommission beauftragt, die Verhandlungen über das Austrittsabkommen mit der britischen Regierung zu führen. Verhandelt wird in zwei Phasen. In der ersten Phase wurden alle Punkte besprochen, die den Austritt unmittelbar betreffen. Hierzu gehörten insbesondere die finanziellen Verpflichtungen Großbritanniens, die Rechte von EU-Bürgern in Großbritannien und von britischen Bürgern in der EU sowie Grenzfragen, wie in Nordirland. In der zweiten Phase sollen insbesondere Einzelheiten über eine mögliche Übergangsphase und eine Verständigung über den Rahmen der zukünftigen Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verhandelt werden. Die zukünftigen Beziehungen, wozu auch ein mögliches Handelsabkommen gehört, können erst verhandelt werden, wenn der Austritt formal vollzogen wurde, also Großbritannien den Status eines Drittstaates hat.

Handel mit Großbritannien

Zwischen den Ländern der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich haben sich über Jahrzehnte tiefe wirtschaftliche Verflechtungen gebildet. Allein der Warenhandel zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland umfasst knapp 370 Mrd. Euro jährlich. Aus deutscher Sicht gestaltet sich die Verflechtung noch intensiver. 12 Prozent der deutschen Warenexporte in die EU, etwa 86 Mrd. Euro, gingen 2016 in das Vereinigte Königreich. Der Anteil der Importe aus Großbritannien an den gesamten Importen aus der EU lag bei 6 Prozent, das sind etwa 36 Mrd. Euro.

Der größte Anteil der Warenexporte aus Deutschland nach Großbritannien kommt aus der Automobilindustrie: Sie exportierte 2016 Fahrzeuge und Teile für 28,5 Mrd. Euro über den Ärmelkanal. Aus Großbritannien wurden Fahrzeuge und Teile im Wert von 6,2 Mrd. Euro nach Deutschland geschickt. Der Großteil des automobilen Handelsvolumens – knapp 80 Prozent – entfällt auf fertige Pkw oder Lkw. Die deutschen Zulieferer exportierten Waren für 5,5 Mrd. Euro nach Großbritannien, von dort wurden Kfz-Teile für 1,3 Mrd. Euro nach Deutschland importiert.

Britische Automobilindustrie

Die Zahlen zeigen, dass Deutschland im automobilen Handel mit Großbritannien einen deutlichen Überschuss erzielt. Allerdings ist auch die britische Automobilindustrie enorm von Exporten, vor allem nach Europa, abhängig. So wurden 2017 in Großbritannien 1,67 Mio. Pkw produziert. Rund 1,3 Mio. Pkw wurden anschließend ausgeführt. Vier von fünf im Vereinigten Königreich hergestellten Pkw gehen also in den Export. Mehr als die Hälfte davon, knapp 54 Prozent, wurden in der Europäischen Union verkauft. Die EU ist damit der bei Weitem wichtigste Absatzmarkt für die britische Automobilindustrie. Auch der Pkw-Markt in Großbritannien selbst ist von Fahrzeugen geprägt, die über nationale Grenzen hinweg gehandelt werden. Die Pkw-Neuzulassungen in Großbritannien werden zu deutlich über 80 Prozent durch importierte Fahrzeuge gedeckt.

In Deutschland wurden 2017 rund 4,4 Mio. Pkw für den Export gefertigt. Mit knapp 770.000 Pkw war dabei Großbritannien der größte Markt für Pkw-Exporte aus Deutschland. Etwa 18 Prozent der deutschen Pkw-Ausfuhren gehen also nach Großbritannien. Auch auf dem deutschen Pkw-Markt ist die Bedeutung von Importfahrzeugen groß: Die Importquote lag 2016 bei 64 Prozent, 2,2 Mio. importierte Fahrzeuge wurden neu zugelassen.

Die hohen Export- und Importquoten sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland zeigen, dass auch die Wertschöpfungsketten längst nicht mehr an nationalen Grenzen haltmachen. So sind auch die Zulieferstrukturen britischer Automobilbauer international ausgerichtet. Heute stammen rund 50 Prozent der Teile für ein in Großbritannien hergestelltes Auto aus einem anderen Land. Diese starke Internationalisierung der Produktionsketten bedeutet jedoch, dass Transaktionskosten (Zölle oder Grenzkontrollen) die Zusammenarbeit von Zulieferern und Herstellern stark beeinflussen können. Der Brexit kann den automobilen Handel zwischen Großbritannien und der Europäischen Union daher auf vielfältige Weise und empfindlich beeinträchtigen.

Währungseffekt

Bereits heute ist der Einfluss des Brexits auf den Wechselkurs zwischen Euro und britischem Pfund deutlich sichtbar. Das Pfund hat umgehend nach dem Brexit-Referendum abgewertet. Hintergrund der Abwertung war die Erwartung, dass sich die britische Wirtschaft nach dem Brexit schwächer entwickeln wird. Darauf deuten aktuelle Wirtschaftsdaten bereits hin. Mitentscheidend ist die große Unsicherheit über die zukünftigen Rahmenbedingungen. Investoren haben sich seit dem Referendum mit neuen Investitionen in Großbritannien zurückgehalten. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wird somit gedämpft. Dies ist umso bedeutender, da die britische Automobilindustrie stark von Investitionen ausländischer Hersteller geprägt ist.

Mit dem Wechselkurs ändern sich die grundlegenden Rahmenbedingungen des Handels. Mit einer schwachen Währung wird allgemein eine Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit verbunden, da günstiger exportiert werden kann und gleichzeitig Importe teurer werden. Für die britischen Verbraucher bedeutet dies vor allem steigende Preise für importierte Fahrzeuge. Da der britische Markt zum Großteil durch Importe gedeckt wird, betrifft dies weite Teile des Pkw-Neuwagengeschäfts.

Auswirkungen auf Produktion in Großbritannien

Solange das zukünftige Verhältnis zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich nicht geklärt ist, sind genaue Vorhersagen über die wirtschaftliche Entwicklung in der Post-Brexit-Zeit kaum möglich. Jede neue Beeinträchtigung der Handelsströme kann potenziell zu einem Rückgang des wirtschaftlichen Austauschs führen. Gerade Zölle, mittelbar aber auch nichttarifäre Hemmnisse, wirken wie zusätzliche Kosten auf die gehandelten Güter. Die Gewinnschwelle verschiebt sich aufgrund höherer Kosten nach unten oder Preise müssen erhöht werden. Es wird weniger attraktiv, Produkte über die Grenze hinweg zu handeln. Auch praktische Handelshürden, wie etwa Grenzkontrollen, können grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten empfindlich stören. Wartezeiten an den Grenzen machen etwa eine Just-in-time-Produktion deutlich schwieriger. Damit wird klar, dass durch den Brexit potenziell vor allem der Automobilstandort Großbritannien geschwächt wird. Für Unternehmen, die in Großbritannien produzieren, bedeutet dies entweder Standortverlagerungen in die EU oder erhöhte Produktionskosten.

Zollabwicklung nach dem Brexit

Neben möglichen Kosten für neue Zölle nach dem Brexit könnte auch die praktische Zollabwicklung erhebliche Probleme aufwerfen. Der VDA schlägt daher ein vereinfachtes Verfahren zur Zollabwicklung im Rahmen einer Selbstveranlagung vor, das einen reibungslosen Warenverkehr ohne zusätzlichen administrativen Aufwand sowohl den Unternehmen als auch den Zoll- und Steuerbehörden in der EU und dem Vereinigten Königreich garantiert.

Unabhängig davon, ob das zukünftige Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU durch ein Freihandelsabkommen oder eine Zollunion geregelt wird: Unternehmen werden im grenzüberschreitenden Warenverkehr eine Zollabwicklung durchführen sowie zollrechtlichen Erklärungspflichten nachkommen müssen. Auch die derzeit im Unionszollrecht möglichen vereinfachten Einfuhr- und Ausfuhrverfahren werden einer engen EU-UK-Zollpartnerschaft nicht gerecht und würden eine Behinderung des freien Warenverkehrs bedeuten. Das vom VDA vorgeschlagene Verfahren würde es ermöglichen, dass Waren wie bisher ohne Unterbrechung des Warenflusses geliefert werden können. Produktionsstandorte in der EU und im Vereinigten Königreich könnten so insbesondere benötigte Materialien und Güter ungehindert austauschen.

Handelshürden vermeiden

Die deutsche Automobilindustrie setzt darauf, dass sich die negativen Auswirkungen des Brexits minimieren lassen. Das Ziel sollte es sein, das zukünftige Verhältnis zwischen der EU und Großbritannien auf Basis der vier Grundfreiheiten zu gestalten. Für die Automobilindustrie sind darüber hinaus neben der Zollabwicklung weitere Einzelfragen von Bedeutung. So sollten etwa Typgenehmigungen in der EU und in Großbritannien weiterhin Geltung behalten, unabhängig davon, wo sie erteilt wurden. Außerdem steht infrage, ob Pkw-Neuzulassungen in Großbritannien weiterhin in die europäische CO2-Regulierung einbezogen werden.

Die Unsicherheiten, die die Brexit-Entscheidung der Briten erzeugt hat, wirken sich bereits negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung aus, vor allem in Großbritannien. Die deutsche Automobilindustrie hat großes Interesse daran, dass die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU so eng wie möglich bleiben. Großbritannien ist ein wichtiger Partner für die deutschen Automobilhersteller und Zulieferer. Neue Zölle oder andere Handelshürden können daher in niemandes Interesse sein. Allerdings gibt es für den Fall des Brexits für die EU und Deutschland eine klare wirtschaftliche und politische Priorität: den Zusammenhalt der 27 Mitgliedsstaaten. Dass der Brexit am Ende zum Erfolgsmodell für Großbritannien wird, ist nicht zu erwarten.

Nach oben springen