Wirtschaftspolitik und Infrastruktur

Handel

Der Zugang zu Auslandsmärkten ist für die Unternehmen der Automobilindustrie unerlässlich. Das Wachstum findet – abgesehen vom US-Markt – vor allem auf den Märkten außerhalb der Triade statt: in Osteuropa, Asien, Lateinamerika und anderen Schwellenländern mit steigender Motorisierung.

Bedeutung der Handelspolitik für die Industrie und den Standort Deutschland

Der Zugang zu Auslandsmärkten ist für die Unternehmen der Automobilindustrie unerlässlich. Das Wachstum findet – abgesehen vom US-Markt – vor allem auf den Märkten außerhalb der Triade statt: in Osteuropa, Asien, Lateinamerika und anderen Schwellenländern mit steigender Motorisierung. Auch der Produktionsstandort Deutschland profitiert vom Wachstum im Ausland: Mit über 77 Prozent lag die Exportquote für Pkw im vergangenen Jahr auf einem neuen Höchststand. Allerdings findet auch das Wachstum der Produktion zunehmend im Ausland statt. Viele Länder erwarten ein Produktionsengagement vor Ort. Zudem erlassen viele Staaten immer wieder Vorschriften, die eine lokale Fertigung fördern, wenn nicht gar erzwingen sollen. Dazu zählen hohe Zölle, nichttarifäre Handelshemmnisse und eine behördlich vorgegebene hohe Wertschöpfung (Local Content) vor Ort. All dies führt dazu, dass Exporte aus Deutschland zunehmend erschwert werden.

So fallen in Indien teilweise mehr als 100 Prozent Einfuhrzoll für deutsche Pkw an. Im Ergebnis sehen sich die Hersteller gezwungen, selbst kleine Stückzahlen lokal zu produzieren, um überhaupt am Markt zu sein. In Brasilien fallen bei der Einfuhr Steuern an, die sich nur durch Inlandsproduktion vermeiden lassen – ein wichtiger Baustein für die Automobilpolitik Brasiliens und eine Herausforderung für die Exporte aus Europa. Mit seinem Programm „Inovar“ setzt dieses Land klar auf Local Content; die EU-Kommission hat bereits Konsultationen bei der WTO beantragt, denn Local-Content-Politik widerspricht den Regeln der Welthandelsorganisation.

Auch Russland verfolgt das Ziel, möglichst viel Produktion im eigenen Land zu erreichen, Importe werden entsprechend erschwert. WTO-Verpflichtungen werden nur zögerlich umgesetzt. So wird die Recyclingabgabe zwar doch auf lokale Hersteller ausgeweitet – aber fast gleichzeitig erhalten lokale Hersteller in Russland Subventionen. Es verwundert daher nicht, dass die Exporte aus Deutschland nach Russland zuletzt deutlich zurückgegangen sind. Argentinien kehrt fast schon zu einer Art „Barter-Trade“ zurück und fordert den Nachweis von Exporten, wenn Unternehmen importieren. Die Ukraine erhöhte ihre Zölle, um einen Anreiz für lokale Produktion zu schaffen. Andere Länder, mit denen die EU schon Freihandelsabkommen pflegt, wie Südkorea, versuchen, Importe zum Beispiel über technische Regulierungen zu erschweren.

All diese Maßnahmen haben eines zur Folge: Sie schränken die Exporte aus Deutschland ein – und wirken sich entsprechend auf den Produktionsstandort Deutschland aus. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bereits seit einigen Jahren die Auslandsfertigung deutlich schneller steigt als die Inlandsfertigung. Natürlich hat das mit der Dynamik in den Wachstumsmärkten zu tun. Aber protektionistische Maßnahmen unterstützen noch zusätzlich diesen Trend.

Ökonomen sind sich einig, dass der kostenintensive Aufbau neuer Produktionsstandorte durch die potenzielle Marktnachfrage begründet sein sollte – und nicht erzwungen durch „künstliche Faktoren“, die den Export in diese Länder erschweren oder gar verhindern.

Es mag auf kurze Sicht verlockend erscheinen, wenn weniger entwickelte Volkswirtschaften Importrestriktionen verhängen, um den „Aufwuchs“ der eigenen Industrie zu fördern und zu „schützen“. Langfristig ist allerdings vielfach belegt, dass dieses „künstliche Hegen“ des eigenen Standorts lediglich zu verkrusteten Strukturen führt, zu völlig überdehnten Kapazitäten und damit zu einem erheblichen Kostennachteil im internationalen Wettbewerb.

Daher setzt sich der VDA weltweit für fairen Marktzugang und ein Level-Playing-Field ein – was letztlich zu einer Win-win-Situation für die globale Arbeitsteilung in der Automobilindustrie führt.

Multilateralismus und Freihandelsabkommen

Die deutsche Automobilindustrie befürwortet den Abschluss von Freihandelsabkommen, hat sich aber stets für den multilateralen Abbau von Handelshemmnissen ausgesprochen. Leider hat die Doha-Runde bisher nicht zu einem Abbau der Zölle und nichttarifären Hemmnisse führen können, auch wenn zuletzt bei der 9. WTO-Ministerkonferenz in Bali Fortschritte erzielt werden konnten. Am 7. Dezember 2013 einigten sich die WTOMitglieder unter anderem auf ein Abkommen zu Handelserleichterungen. Daneben standen die Themen Entwicklung und Landwirtschaft auf der Tagesordnung. Die wesentlichen Ergebnisse der 9. WTO-Ministerkonferenz sind:

  • Das Abkommen zu Handelserleichterungen („Trade Facilitation“),
  • Unterstützungsmaßnahmen für die am wenigsten entwickelten Länder, unter anderem im Bereich Marktzugang und Ursprungsregeln,
  • flexible Gestaltung von nationalen Programmen zur Nahrungsmittelsicherheit,
  • Exporte sollten nicht subventioniert und damit künstlich verbilligt werden,
  • Handelshemmnisse beim Import von landwirtschaftlichen Produkten sollten abgebaut werden.

Einer Studie des „Peterson Institute for International Economics“ zufolge kann allein durch die Beschlüsse zur Handelserleichterung ein Anstieg der weltweiten Wirtschaftsleistung um bis zu 1 Mrd. US-Dollar erwartet werden. Zudem geht die Studie von der Sicherung von 20,6 Mio. Arbeitsplätzen aus. Diese Ergebnisse lassen sich jedoch nur erzielen, wenn die Handelserleichterungen auch effektiv umgesetzt werden. Daher ist es wichtig, dass die „Post-Bali-Agenda“ weiter vorangetrieben wird. Die WTO muss als Institution und Wächter des freien und fairen Handels weiter gestärkt werden. Auch das Ziel einer umfassenden, breiten Zollsenkungsrunde darf nicht aus den Augen verloren werden. Dabei sollte eine Vermischung der Handelspolitik mit anderen Bereichen, wie etwa Umweltzielen, vermieden werden; diese können auf anderem Wege besser erreicht werden.

Solange es noch keinen Durchbruch bei den WTO-Zollsenkungsverhandlungen gibt, sind bilaterale Freihandelsabkommen ein wichtiger Ansatz, um den Marktzugang zu verbessern. Schließlich haben Abkommen mit attraktiven Partnern auch eine gewisse Anziehungskraft, sodass von ihnen auch eine Integrationswirkung ausgehen kann.

Dr. Martin Koers
Dr. Martin Koers Leiter Abteilung Wirtschafts- und Klimaschutzpolitik

Tel: +49 30 897842-350  
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