Wirtschaftspolitik und Infrastruktur

Standort Deutschland

Die Herausforderungen am Standort Deutschland nehmen zu

Der Standort Deutschland und seine Wettbewerbsfähigkeit

Wer den Industriestandort Deutschland nur oberflächlich betrachtet, könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass dieses Land vom Erfolg verwöhnt wird: Die Beschäftigung ist auf einem Höchststand, der Export brummt, das Zinsniveau ist niedrig, der Ölpreis ging 2014 deutlich zurück und gab damit den Bürgern mehr Raum für andere Ausgaben. Dennoch – wer sich differenzierter mit unserem Land und seiner Volkswirtschaft beschäftigt, stellt rasch fest, dass die Herausforderungen zunehmen. Und dass der wirtschaftliche Erfolg vergangener Tage keinerlei Garantie für künftige Performance darstellt.

Angesichts der Mehrheitsverhältnisse, die sich in der großen Koalition widerspiegeln, sind für die Bundesregierung alle Voraussetzungen gegeben, um kraftvolle Entscheidungen für bessere Rahmenbedingungen zu fällen. Leider fällt die bisherige Bilanz eher enttäuschend aus: Die wesentlichen Punkte, die bislang aus dem Koalitionsvertrag abgearbeitet wurden, drehten sich vor allem um Verteilungsfragen oder gar neue fiskalische Einnahmequellen. Mütterrente und Mindestlohn sind beschlossen, Frauenquote und Pkw-Maut stehen kurz dem Abschluss.

Strategisch wichtige Stellschrauben wurden jedoch noch nicht bewegt: Die Energiekosten in Deutschland sind – gerade auch im internationalen Vergleich – sehr hoch. Und – das betrifft auch die Tarifpartner – die Lohnstückkosten gehen in Deutschland seit einigen Jahren wieder stetig nach oben. Auch die Spielräume für mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt werden enger. Insgesamt heißt das: Der Standort Deutschland wird teurer.

Ein weiteres Feld aktiver Standortpolitik wird bislang auch noch kaum beackert: Die Verbesserung der Infrastruktur. Auf den dringend notwendigen Erhalt und Ausbau der Straßenverkehrsinfrastruktur wird in diesem Jahresbericht an anderer Stelle ausführlich eingegangen. Hier nur so viel dazu: Wenn steigende Mauteinnahmen lediglich dazu führen, dass auf der anderen Seite steuerfinanzierte Ausgaben in das Straßennetz reduziert werden – eine Praxis, die seit etlichen Jahren zu beobachten ist –, werden wir weiter mit maroden Brücken und schlechten Straßen leben müssen. Nicht nur für den privaten Autofahrer ist dies ärgerlich, vor allem führt eine mangelhafte Infrastruktur zu Staus, Umleitungen und in einigen ersten Fällen bereits zu Brückensperrungen. Das treibt die Logistik- und Transportkosten am Standort Deutschland nach oben – und belastet die Unternehmen.

Der Ausbau der digitalen Netze muss ebenfalls konsequent vorangetrieben werden. Das zuständige Ministerium ist zwar seit Dezember 2013 nicht nur für „Verkehr“ zuständig, sondern auch für „digitale Infrastruktur“, doch mit neuen Namensschildern allein ist es nicht getan.

Die Innovationsgeschwindigkeit gerade in diesem Bereich ist enorm. Deutschland steht in einem internationalen Wettbewerb, der von US-amerikanischen IT-Firmen angeführt wird. Der Exportmeister Deutschland sollte daher alles tun, um auch auf diesem Feld Geländegewinne zu erreichen: Wir brauchen mehr IT-Experten, mehr Software-Ingenieure, mehr „Web-“ und „Cloud-Fachleute“ hier am Standort, um den Anforderungen der Zukunft zu genügen.

Die deutsche Automobilindustrie investiert massiv in diese neuen digitalen Technologien – und stellt viele junge IT-Experten und Software-Entwickler ein. Derzeit entfällt rund ein Drittel der gesamtwirtschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen in Deutschland auf die Automobilindustrie. Sie ist mit Abstand der größte Forschungs- und Entwicklungsinvestor und strategisch wichtig für den Technologiestandort Deutschland. Ob dieses Land auch künftig seine sehr gute Position im internationalen Vergleich halten oder gar ausbauen kann, hängt also entscheidend auch von der Forschungs- und Entwicklungsintensität dieser Schlüsselbranche hier am Standort ab.

Es gehört zu den originären Aufgaben des VDA, dass er sich mit Nachdruck für das Ziel der Verbesserung von Standortfaktoren einsetzt. Dies geschieht in vielfältiger Form. So unterstützt der VDA Studien, die empirische Fakten zur Verfügung stellen und damit der Standortdiskussion valide Zahlen geben. Wie attraktiv ist der Automobilstandort Deutschland im internationalen Vergleich heute – und was muss getan werden, damit die Potenziale auch künftig genutzt werden? Welche Kernkompetenzen werden zukünftig am Automobilstandort Deutschland unverzichtbar bleiben? Wo haben andere Länder die Nase vorn? Was muss Deutschland tun, damit die Automobilwirtschaft weiter in Deutschland investiert? Die Antworten auf diese Fragen sollen helfen, Handlungsfelder aufzuzeigen und Rahmenbedingungen positiv zu gestalten.

In Kooperation mit einem Beratungsunternehmen erstellt der VDA deshalb 2015 eine Studie, die sich dieses Themas annimmt. Die Untersuchungen und Befragungen sind international ausgerichtet und beziehen auch neue Wettbewerber in den Wachstumsmärkten und Unternehmen mit ein, die durch das Thema Vernetzung an Bedeutung gewinnen. Angesichts der hohen Dynamik der Märkte in Nordamerika und Asien müssen die Rahmenbedingungen nicht nur für die Produktion, sondern auch für den Automobilmarkt in Deutschland und Europa verbessert werden.

Dr. Martin Koers
Dr. Martin Koers Leiter Abteilung Wirtschafts- und Klimaschutzpolitik

Tel: +49 30 897842-350  
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