Wirtschaftspolitik und Infrastruktur

Verkehr

Das Auto steht in Deutschland für über 80 Prozent des Personenverkehrs und ist damit Verkehrsmittel Nummer 1.

Mobilitätkultur im Wandel

Eine der großen Zukunftsaufgaben ist es, Antworten auf die weltweite Urbanisierung zu finden. Das Anwachsen der Städte ist ein weltweiter Trend, der sich besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern zeigt. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Diese Geschwindigkeit des Städtewachstums ist zwar in Deutschland nicht zu verzeichnen. Dennoch erwarten Experten, dass die Einwohnerzahl der fünf größten deutschen Städte bis zum Jahr 2030 um 10 bis 30 Prozent wachsen wird. Damit steigt auch der urbane Mobilitätsbedarf.

In den Städten ist aber nicht nur mit einem Anstieg der Mobilität zu rechnen. Es ist auch ein Wandel in der Mobilitätskultur zu beobachten. Insbesondere jüngere Leute sind in ihrer Verkehrsmittelwahl eher pragmatisch. Verkehrsmittel werden zunehmend flexibel und in Kombination miteinander genutzt. Die Wahl des Verkehrsmittels und der Route ist viel stärker als früher situations- und reisezweckabhängig. Entscheidend ist dabei auch die Verfügbarkeit von Online-Mobilitätsinformationen. Der ÖPNV wird auch dann genutzt, wenn man ein eigenes Auto hat. Andere wiederum schieben die Anschaffung eines eigenen Autos auf eine spätere Lebensphase und nutzen bis dahin den ÖPNV und Carsharing-Angebote. Dadurch hat sich die Anzahl der Carsharing-Nutzer hierzulande seit dem Jahr 2000 von 40.000 auf über 1,7 Mio. um den Faktor 42 vervielfacht.

Automobilindustrie wird Mobilitätsdienstleister

Ein Treiber dieser Entwicklung ist die Automobilindustrie: Mit ihren Carsharing-Angeboten steht sie heute für rund drei Viertel dieses Marktes – mit wachsender Tendenz. Die Automobilindustrie entwickelt sich damit weiter vom reinen Automobilhersteller hin zum Mobilitätsdienstleister. Ein weiterer Schritt dorthin ist ihr Engagement auf dem Gebiet des multimodalen Routings und Fahrtenvermittlers. Heute ist sie hier einer der bedeutendsten Anbieter. Ihre Apps informieren über das jeweils schnellste und preiswerteste Verkehrsmittel unter Einbeziehung von Sharing-Autos, Sharing- Fahrrädern, Taxis und des ÖPNV. Mit ÖPNV-Unternehmen ist die Automobilindustrie hierzu Kooperationen eingegangen. Zuletzt sind eigene Ridesharing-Services dazugekommen, mit denen die Automobilindustrie in den Städten auch für diejenigen ohne „eigenes“ Auto künftig eine On-Demand-Mobilität mit Anbindung an den ÖPNV anbieten wird. Auch hierfür ist die Automobilindustrie Kooperationen mit den örtlichen ÖPNV-Unternehmen eingegangen.

Überhaupt zeigt sich, dass Lösungen für die urbane Mobilität am sinnvollsten im Rahmen eines integrierten Ansatzes zu entwickeln sind. So sind beispielsweise auch die kommunale Politik und die kommunalen Verkehrsbetriebe bei der Entwicklung urbaner Mobilitätslösungen unverzichtbare Partner. Denn sie definieren die stadtplanerischen Bedürfnisse und sind Anbieter der kommunalen Verkehrsinfrastruktur.

Zudem wird die Mobilität der Zukunft vor allem im urbanen Raum datengetrieben sein. Daten ermöglichen das Angebot maßgeschneiderter Mobilitätslösungen für jeden Einzelfall. Hier wirken nicht zuletzt Start-up-Unternehmen immer wieder als hochinnovative Impuls- und Ideengeber und als kreative Inkubatoren für neue Lösungen – beispielsweise bei der Entwicklung von Apps zum Teilen von Parkplätzen oder für das Nutzungsmanagement von Ladesäulen im öffentlichen Raum.

Plattform Urbane Mobilität

Die Automobilindustrie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit allen Beteiligten Lösungen für eine zukunftsfähige und nachhaltige urbane Mobilität zu entwickeln. Der VDA hat dazu die „Plattform Urbane Mobilität“ ins Leben gerufen, an der sich neben zahlreichen Unternehmen aus der Automobil- und Zulieferindustrie inzwischen neun Großstädte beteiligen. Ziel der Plattform ist es, ein gemeinsames Verständnis von der Gestaltung der urbanen Mobilität der Zukunft zu entwickeln und auf dieser Basis gemeinsame Pilot- und Umsetzungsprojekte in den einzelnen Städten zu starten. Die Themenpalette reicht von vernetztem Fahren, Verkehrsmanagement und optimierter Flächennutzung über Elektromobilität bis hin zur Entwicklung inter- und multimodaler Angebote und zur Gestaltung von Mobilität in einzelnen Stadtquartieren. Damit geht es um die mittel- bis langfristige strategische Weiterentwicklung des städtischen Mobilitätsystems als Ganzen.

Plattform Urbane Mobilität der Stickoxidemissionen

Darüber hinaus ist die Automobilindustrie in engem Dialog mit Städten, um kurz- bis mittelfristig wirkende Maßnahmen speziell zur Senkung der Stickoxidemissionen in den Städten zu identifizieren und umzusetzen. Dazu gehören unter anderem Maßnahmen zur beschleunigten Elektrifizierung der städtischen Fahrzeugflotten, Maßnahmen zur Optimierung der Mitarbeitermobilität an den Standorten der Automobilindustrie oder Maßnahmen zur Verkehrsverflüssigung. Beispielsweise haben Untersuchungen gezeigt, dass eine intelligente Netzsteuerung, die das gesamte Verkehrsaufkommen im städtischen Straßennetz berücksichtigt und die Ampelanlagen optimal aufeinander abstimmt, den Stickoxidausstoß um ein Drittel senken kann. Derartige Maßnahmen sind zielführender und gerechter als Fahrverbote für Diesel-Pkw in bestimmten Städten. Denn diese würden Stadtbewohner und Pendler sowie das Gewerbe empfindlich treffen.

Dr. Michael Niedenthal
Dr. Michael Niedenthal Leiter Abteilung Nutzfahrzeuge, Anhänger, Aufbauten und Busse, Verkehrspolitik

Tel: +49 30 897842-360 Fax: +49 30 897842-600
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