VDA-Mittelstandstag in Bonn
VDA-Umfrage: Automobiler Mittelstand am Standort Deutschland unter großem Druck
Pressemitteilung
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Geschäftserwartungen der Unternehmen haben sich verschlechtert – Investitionen werden verlagert, F&E-Ausgaben in Deutschland reduziert – Krieg im Nahen Osten belastet vor allem durch hohe Energie- und Kraftstoffpreise – Industrielles Netzwerk ist Stärke des Standortes
Der 26. Mittelstandstag des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) wurde heute in Bonn eröffnet. Die Konferenz steht in diesem Jahr unter dem Titel „Zukunft. Standort. Deutschland: Finanzierung, Innovation und Resilienz in der automobilen Wertschöpfungskette“. An zwei Tagen diskutieren hier mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft in Keynotes, Deep Dives und Panel-Diskussionen die Zukunft der automobilen Wertschöpfung.
„Zweifellos sind es herausfordernde Zeiten für die Automobilindustrie: zunehmende geopolitische Spannungen, multiple Krisen, um sich greifender Protektionismus, die Transformation zur klimaneutralen, digitalen Mobilität und ein Wirtschaftsstandort Deutschland, der zusehends an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verliert – all das stellt unsere global aufgestellte Industrie vor Herausforderungen. Die Lage verlangt von den Unternehmen, ganz besonders jenen des automobilen Mittelstandes, fortwährend Höchstleistungen ab und hat erhebliche Konsequenzen für Wachstum und Beschäftigung in vielen Regionen Deutschlands. Jeden Tag bin ich daher aufs Neue beeindruckt, mit welcher Innovationskraft, Investitionen und Leidenschaft gerade die Mittelständler in unserer Industrie den immer neuen Aufgaben und Anforderungen begegnen, die an sie gestellt werden“, so VDA-Präsidentin Hildegard Müller anlässlich der Eröffnung des VDA-Mittelstandstages.
Müller ging in ihrer Rede in Bonn auch auf die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage ein, die der VDA unter Automobilzulieferern (Herstellergruppe III) sowie mittelständisch geprägten Herstellern von Anhängern, Aufbauten und Bussen (Herstellergruppe II) durchgeführt hat. * Die regelmäßig durchgeführte Umfrage zeigt, dass der Industrie- und Produktionsstandort Deutschland weiterhin erheblich unter Druck steht. Die aktuelle Geschäftslage der Unternehmen ist erheblich belastet, die Geschäftserwartungen haben sich verschlechtert und die Investitionstätigkeit in Deutschland ist weiterhin schwach.
Im Detail: 41 Prozent der Unternehmen beurteilten ihre aktuelle Lage als sehr schlecht oder schlecht, während nur 22 Prozent der Unternehmen ihre Lage als gut oder sehr gut bewerteten. Auch der Blick auf die kommenden zwölf Monate ist sehr kritisch: Jedes dritte Unternehmen (32 Prozent) geht davon aus, dass sich seine wirtschaftliche Entwicklung verschlechtern (26 Prozent) oder sogar deutlich verschlechtern (6 Prozent) wird. Nur 25 Prozent erwarten eine (deutliche) Verbesserung. Bei der letzten Umfrage im Januar dieses Jahres war der Anteil der optimistisch in die nähere Zukunft blickenden Unternehmen noch größer als der Anteil der Unternehmen, die eine Verschlechterung der Lage erwarteten.
Investitionstätigkeit in Deutschland weiter schwach, Beschäftigung wird fast ausschließlich im Ausland aufgebaut
67 Prozent der Unternehmen gaben in der Umfrage an, eigentlich geplante Investitionen in Deutschland zu verschieben, ins Ausland zu verlagern oder ganz zu streichen zu müssen. Nur 2 Prozent gaben an, ihre Investitionen in Deutschland angesichts der aktuellen Lage erhöhen zu wollen. Der Beschäftigungsabbau in Deutschland hält bedauerlicherweise an: 54 Prozent bauen aktuell ab, während nur 3 Prozent Beschäftigung aufbauen – dieser Wert ist der niedrigste, der sich in unserer Umfrage bislang ergeben hat. Und: 44 Prozent der Unternehmen, die Beschäftigung in Deutschland abbauen, bauen gleichzeitig im Ausland Beschäftigung auf. Nur 17 Prozent von ihnen reduzieren auch im Ausland Beschäftigung.
Der Beschäftigungsabbau betrifft eine große Bandbreite von Positionen: Unternehmen, die Beschäftigung abbauen, berichten zu 64 Prozent, dass sie Verwaltungs- und Overheadfunktionen abbauen. 54 Prozent bauen produktionsnahe Tätigkeiten ab. Besonders kritisch: Auch entwicklungs- und innovationsnahe Tätigkeiten werden in 36 Prozent der betroffenen Unternehmen zunehmend abgebaut. Dazu passt: Nur knapp ein Drittel der befragten Unternehmen plant, seine Investitionen in Forschung und Entwicklung am Standort Deutschland zu erhöhen, während zwei Drittel mit sinkenden Ausgaben rechnen. Gleichzeitig beabsichtigt rund die Hälfte der Unternehmen, ihre F&E-Investitionen im Ausland auszuweiten.
Müller: „Die Ergebnisse unserer Umfrage verdeutlichen Deutschlands Standortkrise. Die Bedingungen hierzulande bringen unsere Industrie, besonders den automobilen Mittelstand, immer mehr unter Druck. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts ist zunehmend nicht gegeben. Die Folge: Die Unternehmen müssen sich aus wirtschaftlichen Gründen leider täglich gegen den Standort Deutschland und Europa entscheiden und Investitionen sowie Beschäftigung verlagern. Die Politik in Brüssel und Berlin muss jetzt endlich und dringend zügig und entschlossen Maßnahmen ergreifen, die den Standort stärken und Wohlstand und Beschäftigung hierzulande erhalten. Denn nur an einem wettbewerbsfähigen Standort können Arbeitsplätze erhalten bleiben und neue entstehen. Wir haben erst jüngst dargelegt, dass die weitere Entwicklung der Beschäftigung wesentlich auch vom Antriebsmix abhängt. Ein im Vergleich zur aktuell gültigen CO₂-Regulierung höherer Anteil von Plug-in-Hybriden, Range Extendern und Verbrennern – zunehmend mit erneuerbaren Kraftstoffen – könnte etwa 50.000 Arbeitsplätze am Standort Deutschland erhalten. Die negativen Effekte der Transformation auf die Beschäftigung würden spürbar abgemildert, der Pfad zur klimaneutralen Mobilität dennoch fortbeschritten. Bedeutet: Im Technologiemix liegen Stärken und Chancen für den Klimaschutz und für Wohlstand und Beschäftigung. Die Bundesregierung muss sich deshalb weiterhin mit starker Stimme in Brüssel für echte Technologieoffenheit einsetzen. Auch der gesamte Bereich der Nutzfahrzeuge braucht endlich die nötige politische Aufmerksamkeit.“
Wichtigste Erwartung an die Bundesregierung: Bürokratie abbauen
Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Bürokratie bleibt für den automobilen Mittelstand Herausforderung Nr. 1. So gaben 84 Prozent an, stark oder sogar sehr stark durch bürokratische Anforderungen belastet zu sein. Dazu passt, dass aus Sicht von 71 Prozent die Bundesregierung in den kommenden Monaten den Bürokratieabbau als wichtigsten Schwerpunkt setzen sollte.
Isabelle Kirschbaum-Rupf, VDA-Vorständin, Sprecherin des VDA-Mittelstandsforums und Gesellschafterin der Rupf Industries GmbH: „Die mittelständischen Zulieferer ersticken geradezu in Bürokratie, in immer mehr Vorschriften und Auflagen. Das bindet wertvolle Kapazitäten und kostet Geld und Energie, die man als Unternehmerin eigentlich in sein Unternehmen und seine Beschäftigten investieren will. Darüber hinaus sind die im internationalen Vergleich hohen Arbeitskosten und mangelnde Flexibilität beim Arbeitsrecht große Herausforderungen für den Industriestandort Deutschland. Deutschland und Europa brauchen endlich echten Bürokratieabbau und mehr Vertrauen in die Unternehmen."
Neben überbordender Bürokratie und den Problemen bei der Finanzierung der Transformation belasten den automobilen Mittelstand auch Steuern und Abgaben, 63 Prozent sehen darin eine große Belastung. Hohe Strompreise wurden von 53 Prozent als Belastungsfaktor benannt und hohe Gaspreise von 43 Prozent. Die Energiepreise spielen damit – insbesondere auch in Folge des Krieges im Nahen Osten – wieder eine größere Rolle als noch bei unserer Umfrage zu Jahresbeginn.
Rund jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) gibt an, vom Krieg im Nahen Osten betroffen zu sein. Die wirtschaftlichen Auswirkungen zeigen sich insbesondere in gestiegenen Preisen: 65 Prozent der betroffenen Unternehmen nennen gestiegene Kraftstoffpreise als zentralen Belastungsfaktor, 64 Prozent teurere Vorprodukte oder Komponenten, 58 Prozent höhere Energiekosten. Nur rund 34 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, bislang nicht von Auswirkungen des Krieges betroffen zu sein, erwarten dies aber für die Zukunft.
Erfolgsfaktoren des Standortes Deutschland
Trotz aller Herausforderungen am Standort Deutschland sprechen auch weiterhin viele Faktoren für ihn: 66 Prozent der Unternehmen hoben hier insbesondere das industrielle Netzwerk in Deutschland hervor. Auch die Verfügbarkeit von Fachkräften wurde (53 Prozent) positiv hervorgehoben.
Kirschbaum-Rupf: „Das gute industrielle Netzwerk aus den Herstellern und uns Zulieferern zählt noch immer zu den Stärken des Automobilproduktionsstandortes Deutschland. Gerade der automobile Mittelstand ist tief verwurzelt in den Regionen im ganzen Land. Er schafft vor Ort Wohlstand und Identität, oft arbeiten Generationen einer Familie im Unternehmen. Auch deshalb gilt: Niemand verlagert leichten Herzens, wir wollen am Standort bleiben. Umso wichtiger ist, dass sich politisch etwas tut, der automobile Mittelstand braucht Entlastungen für eine erfolgreiche Zukunft, auch in Deutschland.“
*Die Umfrage wurde vom 12. bis 24. Mai durchgeführt. Es haben sich 116 Unternehmen beteiligt. Damit liegen dem VDA belastbare Aussagen zur aktuellen Lage und den Perspektiven der Automobilindustrie vor. Der VDA führt die Umfrage seit dem Frühjahr 2020 regelmäßig durch.
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Leiterin der Pressestelle
Eva Siegfried
Schwerpunkt Volkswirtschaft, Statistik und VDA-Ladenetz-Rankings