… Andreas Rade

    Geschäftsführer Politik & Gesellschaft, zum VDA-Positionspapier „Entwicklungsstandort Deutschland sichern“

    Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist eine unverzichtbare Kernkompetenz, die am Standort Deutschland erhalten bleiben muss, um resilient und technologisch führend zu bleiben. Gleichzeitig wandern immer größere Teile der automobilen Entwicklung ins Ausland ab. Andreas Rade erläutert im Gespräch die wichtigsten Punkte des VDA-Positionspapiers und wie der Turnaround in Deutschland gelingen kann.

    Andreas, welche Rolle spielen die Entwicklungsdienstleister in der Automobilindustrie?

    Die Entwicklungsdienstleister (EDL) übernehmen für die Automobilhersteller (OEM) und Zulieferer verschiedene Entwicklungsaufgaben: Konzeptentwicklung, Design, Prototyping, Systemintegration, Testung, Validierung und Simulation bis hin zur Entwicklung kompletter Fahrzeuge. Mit Ingenieuren, Softwareentwicklern oder Technikern ergänzen sie die Kapazitäten der Auftraggeber, bilden hochqualifizierte Nachwuchskräfte aus und beschleunigen gleichzeitig die Transformation zu alternativen Antrieben und Software. Sie sind der Motor des technologischen Wandels und sichern die technologische und innovationsgetriebene Wertschöpfung.

    Die Zusammenarbeit von Automobilherstellern (OEM), Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern (EDL) ist langjährig verfeinert worden, deshalb sehr effizient und ein integraler Baustein für den Erfolg der deutschen Automobilindustrie. Doch genau dieses Erfolgsmodell steht aktuell enorm unter Druck.

    Mit welchen Herausforderungen sieht sich die Automobilindustrie im Gesamten und die EDL im Speziellen in Deutschland aktuell konfrontiert?

    Vor allem hohe Standortkosten,  Bürokratie, hohe Steuern und Abgaben sowie insgesamt deutlich gestiegene Kosten belasten die Automobilindustrie in Deutschland. Unsicherheiten in der Regulierung erschweren den Markthochlauf alternativer Antriebe oder auch die Digitalisierung von Fahrzeugeigenschaften. Unter den Automobilzulieferern geben über 70 Prozent an, dass sie Investitionen in Deutschland streichen, aufschieben oder in andere Regionen verlagern.

    Bei den Entwicklungsdienstleistern liegen diese Zahlen noch deutlich höher. Denn diese trifft die aktuelle Lage noch härter:
    📍 Verschlechterte Rahmenbedingungen am deutschen Standort, also unter anderem immer mehr bürokratische Hürden aus Brüssel und Berlin , steigende Arbeitskosten sowie ein herausforderndes In- und Auslandsgeschäft der OEM.
    📍 Struktureller Wandel  was bedeutet, dass Produktion und Entwicklung zunehmend auch in den Absatzmärkten stattfindet. Nicht nur aus Kostengründen, sondern auch für Kundennähe und ein besseres Verständnis lokaler Marktbedürfnisse.
    📍 Verteilung innerhalb der Wertschöpfungskette, bedeutet: Druck am Standort Deutschland, da es einen zunehmenden internationalen Wettbewerb zwischen den Entwicklungsstandorten gibt. 

    Wie können Politik und Industrie diesem Trend jetzt entgegenwirken?

    Indem die richtigen Maßnahmen möglichst bald ergriffen werden. Einmal gestrichene Jobs kommen so schnell nicht zurück. Schon gar nicht, wenn sie in andere Regionen verlagert wurden. Entscheidend sind dringend zu verbessernde Rahmenbedingungen. Beispielsweise höhere Förderquoten, welche sich nicht nur auf KMU fokussieren. Weniger Bürokratie, wie gekürzte oder gestrichene Berichtspflichten und beschleunigte Genehmigungsverfahren. Und nicht zuletzt eine nachhaltige Innovationsstrategie: Industrie und Politik müssen langfristige, gemeinsam getragene Strategien verfolgen. Forschung, Förderung, Genehmigungen, Energie- und Beihilfepolitik müssen sinnvoll zusammengeführt sowie die Attraktivität der Ingenieursstudiengänge deutlich gesteigert werden. 

    Automobilindustrie und EDL wollen ihren Teil beitragen. Noch engere und effizientere Zusammenarbeit mit den OEM, schnellere Umsetzung, höhere Flexibilität und die konsequente Nutzung von Effizienzpotenzialen im Entwicklungsprozess. Die konkreten Rahmenbedingungen werden aber durch die Politik gesetzt. Wenn Forschung und Entwicklung in Deutschland international konkurrenzfähig bleiben sollen, gilt es jetzt an den richtigen Stellschrauben zu drehen und sich gemeinsam, Politik und Industrie, zukunftsfähig aufzustellen.