Europas Standortagenda

    Europas Standortagenda 2025

    Notwendiger Kurswechsel steht weiter aus

    Im Jahr 2025 rückten in der Europäischen Union Fragen der Wettbewerbsfähigkeit, industriellen Resilienz und der Sicherung des Wirtschaftsstandorts verstärkt in den Mittelpunkt der politischen Agenda. In einem Umfeld zunehmenden globalen Wettbewerbs, geopolitischer Spannungen und hoher Transformationsanforderungen wurde die Standortfrage zu einem zentralen Bezugspunkt europäischer Politik. Für die Automobilindustrie als Schlüsselbranche mit tief integrierten europäischen Wertschöpfungsketten war diese Entwicklung in besonderem Maße relevant, da industriepolitische Rahmenbedingungen, regulatorische Anforderungen, Handelsbeziehungen und technologische Souveränität unmittelbar zusammenwirken.

    Die Europäische Kommission hat 2025 mehrfach betont, dass Klimaschutz, Innovation und industrielle Wettbewerbsfähigkeit gemeinsam gedacht werden müssen. Gleichzeitig zeigte sich im Jahresverlauf, dass viele zentrale Initiativen zwar angestoßen wurden, ihre konkrete Ausgestaltung und Umsetzung jedoch unzureichend oder weiterhin in Arbeit sind. Damit bleibt die europäische Standortagenda auch mit Blick auf 2026 ein wesentliches politisches Handlungsfeld.

    Strategiedialog und Automotive Action Plan: Kann nur der Anfang eines umfassenden Politikwechsels sein

    Ein wichtiger Auftakt des Jahres war der von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen initiierte Strategische Dialog zur Zukunft der Automobilindustrie. In mehreren hochrangigen Gesprächsrunden mit der Kommissionspräsidentin und Fachkommissaren wurden die Herausforderungen der Branche, insbesondere die Themen Dekarbonisierung, industrielle Wertschöpfung, Digitalisierung und technologische Entwicklung, diskutiert.

    Die vorgestellten Ergebnisse des strategischen Dialogs waren erste Schritte in die richtige Richtung. Zum einen reagierte die Kommission durch eine gezielte Änderung an der CO2-Flottenregulierung für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge auf die imminente Herausforderung drohender Strafzahlungen. Die Hersteller wurden dadurch in dieser wichtigen Phase der Transformation entlastet.

    Zum anderen veröffentlichte die Kommission auf Grundlage des Strategischen Dialogs am 5. März 2025 den Automotive Action Plan. Darin stellt sie die wesentlichen Vorhaben der Kommission im Automobilbereich für die laufende Legislaturperiode dar. Dies umfasst unter anderem Maßnahmen zur Unterstützung der Transformation, zur Stärkung der industriellen Basis, zur Weiterentwicklung von Infrastruktur sowie zur Förderung von Innovationen im Bereich automatisiertes und autonomes Fahren. Der Plan enthält erste industriepolitische Weichenstellungen, bleibt jedoch einer umfassenden strategischen Neuausrichtung schuldig. Zweifellos sind auf der Grundlage dieser Impulse nun weitere Maßnahmen, Anpassungen und eine Verbesserung der generellen Rahmenbedingungen dringend erforderlich. Die Umsetzung der im Action Plan angekündigten Maßnahmen war im weiteren Verlauf des Jahres Gegenstand laufender Diskussionen.

    Eine dritte hochrangige Gesprächsrunde mit Präsidentin von der Leyen fand am 12. September 2025 statt; zusätzliche konkrete Ergebnisse oder neue Umsetzungsentscheidungen wurden in diesem Rahmen jedoch nicht getroffen. Damit verbleiben mehrere Elemente des Action Plans in der weiteren Ausarbeitung und werden 2026 fortgeführt.

    Review der CO2-Flottenziele für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge und Rahmenbedingungen im Nutzfahrzeugbereich: Technologieoffenheit nur auf dem Papier

    Von zentraler Bedeutung für die Standort- und Transformationsagenda war 2025 zudem die Weiterentwicklung der CO2-Flottenregulierung für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Im Zuge des Automotive Action Plans sicherte Kommissionspräsidentin von der Leyen zu, den eigentlich erst für 2026 vorgesehenen Review zu beschleunigen, wobei der „Grundsatz der vollständigen Technologieneutralität“ gelte. Ein Revisionsvorschlag wurde im Dezember 2025 vorgelegt. Aus Sicht der Industrie blieb dieser Entwurf hinter den Erwartungen zurück, die mit der angekündigten Realitätsprüfung und möglichen Flexibilisierungen verbunden waren. Die weitere politische Behandlung im Europäischen Parlament und im Rat der EU im Jahr 2026 bleibt für die Automobilindustrie sowie für die europäische Standortpolitik insgesamt von erheblicher Bedeutung.

    Mit Blick auf die schweren Nutzfahrzeuge hat die Kommission im Dezember zwar einen gezielten Änderungsvorschlag zur Flottenregulierung vorgelegt, um Strafzahlungen zu vermeiden. An einem Vorziehen der erst für 2027 vorgesehenen Überprüfung der Regulierung zeigte die Kommission bisher aber kein Interesse.

    Für den Hochlauf emissionsfreier schwerer Nutzfahrzeuge war 2025 zudem die Richtlinie über Maße und Gewichte (Weights and Dimensions) weiterhin von Relevanz. Mit der im Dezember erzielten Allgemeinen Ausrichtung des Rates wurde zwar ein wichtiger Schritt im Gesetzgebungsverfahren erreicht; aus Sicht der Automobilindustrie blieb der Text jedoch deutlich hinter dem ursprünglichen Ambitionsniveau der Kommission zurück. Insbesondere bei den Gewichtszuschlägen für batterieelektrische Fahrzeuge wurden keine ausreichenden Korrekturen vorgenommen, sodass vor allem 4x2-Null-Emissions-Sattelzugmaschinen im grenzüberschreitenden Fernverkehr weiterhin strukturell benachteiligt bleiben. Insgesamt werden Nutzlastnachteile und Kostenprobleme nicht wirksam adressiert. Positiv ist, dass mit dem Beginn der Trilogverhandlungen im Dezember 2025 endlich Bewegung in das Dossier gekommen ist. Jetzt ist wichtig, dass die Trilogverhandlungen im Jahr 2026 zügig abgeschlossen werden und die anspruchsvollen CO2-Ziele mit den notwendigen Rahmenbedingungen zusammengedacht werden.

    Handelspolitik: Wenig Höhen aber vielen Tiefen

    Neben der klimapolitischen Dimension war 2025 auch handelspolitisch ein ereignisreiches Jahr. Die Automobilindustrie als global integrierte Exportbranche ist in besonderem Maße auf offene Märkte und stabile Handelsbeziehungen angewiesen. Im transatlantischen Verhältnis standen die Diskussionen über Zölle und Handelsrestriktionen zwischen EU und USA im Mittelpunkt, insbesondere nachdem die US-Administration im März zusätzliche Zölle in Höhe von 25 Prozent auf nicht in den USA gefertigte Pkw und leichte Nutzfahrzeuge angekündigt hatte. Die im August erzielte Einigung über Zollsätze zwischen der EU den USA war seitens der EU zum Jahresende jedoch noch nicht abgeschlossen und bleibt auch Anfang 2026 relevant.

    Auch die Beziehungen zu den Mercosur-Staaten waren 2025 von Bedeutung. Eine grundsätzliche Einigung über das Handelsabkommen wurde erreicht, die weitere politische Umsetzung auf Ebene des Europäischen Parlaments und in den Mitgliedstaaten ist jedoch weiterhin offen. der weitere politische Prozess auf Ebene des Europäischen Parlaments und der Mitgliedstaaten ist jedoch noch nicht abgeschlossen.[BE1]  Die handelspolitischen Entwicklungen verdeutlichen die zunehmende Bedeutung strategischer Partnerschaften für den europäischen Industriestandort.

    Zudem traten 2025 erneut Herausforderungen bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen auf, insbesondere im Bereich Seltener Erden. Lieferengpässe und Exportrestriktionen, unter anderem im Verhältnis zu China, unterstrichen die Relevanz resilienter Lieferketten und einer diversifizierten Rohstoffstrategie für die industrielle Transformation Europas.

    Auch die Beziehungen zu den Mercosur-Staaten waren 2025 von Bedeutung. Mit der grundsätzlichen Einigung über das Handelsabkommen wurde ein wichtiger politischer Schritt erreicht; zugleich war bereits zum Jahresende erkennbar, dass die formale Abstimmung, insbesondere im Europäischen Parlament, von fortbestehenden politischen Vorbehalten begleitet sein würde.

    Abbau regulatorischer Lasten: Omnibusse kommen nur langsam voran

    Ein weiterer Schwerpunkt der Kommission lag 2025 auf der Initiative zur Vereinfachung und Beschleunigung europäischer Regulierung. Unter dem Leitmotiv „simpler, lighter, and faster“ kündigte die Kommission mehrere Omnibus-Pakete an, die regulatorische Anforderungen reduzieren und administrative Belastungen verringern sollen. Für die Automobilindustrie und insbesondere für die mittelständisch geprägte Zulieferindustrie ist die wachsende Zahl an Berichts- und Dokumentationspflichten seit Jahren ein bedeutender Standortfaktor. Es ist deshalb gut, dass die Kommission hier mit ihrer Omnibus-Initiative zur Vereinfachung von Berichtspflichten gegensteuern will und erste Schritte unternimmt, unnötige Bürokratielasten von den Unternehmen zu nehmen. Gleichwohl gilt, dass dies nur ein erster Anfang für einen umfassenden Bürokratieabbau seitens der Kommission sein kann.

    Zu bedauern ist allerdings, dass im Jahr 2025 erst eine Omnibus-Initiative abgeschlossen werden konnte. Von besonderer Relevanz waren die Omnibusse zu Nachhaltigkeit und Umwelt. Die Kommission stellte unter anderem Vereinfachungen im Rahmen des EU-Lieferkettengesetzes, der Richtlinie über Nachhaltigkeitsberichterstattung und der Entwaldungsverordnung vor. Gleichzeitig bleibt die konkrete Ausgestaltung einzelner Elemente, etwa im Zusammenhang mit digitalen Produktpässen, Gegenstand weiterer Diskussionen. Ein Automotive Omnibus wurde bereits im Automotive Action Plan angekündigt und dann im Rahmen des Automotive Packages vorgelegt.

    Vernetztes und automatisiertes Fahren, software-basierte Fahrzeuge und eine fragwürdige Innovationspolitik: Große Vorhaben, aber bisher keine konkreten Ergebnisse

    Im Kontext technologischer Wettbewerbsfähigkeit wurde im Automotive Action Plan außerdem die European Connected and Autonomous Vehicle Alliance (ECAVA) angekündigt. ECAVA ist als industrielles Diskussions- und Beratungsforum konzipiert, das Akteure entlang der automobilen Wertschöpfungskette zusammenbringen soll, darunter Fahrzeughersteller, Zulieferer, Technologieanbieter sowie innovative Unternehmen und Startups. Thematisch adressiert die Allianz zentrale Zukunftsfelder wie Software-Defined Vehicles, die Entwicklung von KI-Modellen, automotive Hardware sowie automatisiertes und autonomes Fahren. Ziel ist es, die Entwicklung serientauglicher Lösungen in Europa zu beschleunigen und technologische Souveränität zu stärken. Im Jahr 2025 befand sich ECAVA überwiegend in der Vorbereitungs- und Aufbauphase. Konkrete operative Strukturen, Meilensteinpläne und begleitende Fördermaßnahmen werden für die weitere Arbeit in 2026 erwartet. Parallel dazu wurden industriegetriebene Initiativen zur Zusammenarbeit im Softwarebereich weiterentwickelt, darunter das Memorandum of Understanding zum Software-defined Vehicle, das auf gemeinsame Standards und effizientere Entwicklung nicht-differenzierender Software abzielt.

    Erschwerend kommt hinzu, dass mit der Rücknahme des Verordnungsentwurfs über standardessentielle Patente durch die EU-Kommission erhebliche negative Auswirkungen sowohl auf die deutsche Automobilindustrie als auch auf den gesamten technologischen Fortschritt in Europa einhergeht. Standardessentielle Patente spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung von technologischen Standards. Ohne eine solche Verordnung fehlt es den Unternehmen an einem Zugang zu wesentlichen Technologien, die gerade für das vernetzte und automatisiere Fahren notwendig sind. Die Entscheidung der Kommission ist nicht nachvollziehbar und führt dazu, dass ein weltweit fairer Wettbewerb und die technologische Souveränität Europas nicht gewährleistet werden können.